Ich bin neulich gefragt worden, ob ich eine Möglichkeit wüsste, wie man in Viottis Violinkonzert Nr. 22 die Passage ab Buchstabe B üben kann.
Zur Erinnerung – es handelt sich dabei um folgende Stelle:

Das Hauptproblem bei dieser Passage ist weniger in der linken Hand zu suchen. Die Griffe als solche sind eigentlich nicht schwierig, wenn wir mit der Tonart E-Dur zurechtkommen.
Viel unangenehmer sind die großen Saitenwechsel, die ab einer gewissen Geschwindigkeit problematisch werden können, wenn wir nicht sehr genau auf unsere Bogentechnik achten.
Grundsätzlich werden Saitenwechsel aus dem Ellenbogen ausgeführt. Wenn wir auf der G-Saite spielen, heben wir den Ellenbogen so weit, bis unser Unterarm auf der gewünschten Saite angekommen ist. Wenn wir auf die E-Saite wollen, senken wir den Unterarm entsprechend, bis wir auf der E-Saite streichen.
Das geht jedoch nur bis zu einem gewissen Tempo. Irgendwann sind wir so schnell, dass die bewegte Masse, also unser ganzer Arm, zu groß wird, als dass wir sie noch schnell genug auf und ab bewegen könnten.
Die Lösung liegt darin, dass wir die Masse reduzieren. Das tun wir dadurch, dass wir die Saitenwechsel immer mehr aus dem Handgelenk vollführen, je schneller wir werden. Der Arm bleibt in einer Mittelstellung, und das Handgelenk bewegt sich auf und ab, als wenn wir jemandem zuwinken wollten.
Auf diese Weise erreichen wir trotz der Saitenwechsel ein deutlich höheres Tempo. Diese Technik wenden wir übrigens nicht nur bei Viotti an. Auch bei nahezu jedem Vivaldi-Konzert benötigen wir schnelle und immer wiederkehrende Saitenwechsel, die wir nur auf diese Weise im Tempo spielen können.
Um das auszuprobieren, versuchen Sie einmal folgendes:

Spielen Sie die Noten anfangs sehr langsam, am besten als Viertel im Andante. Die Saitenwechsel führen Sie wie gewohnt aus dem ganzen Arm aus.
Danach gehen Sie ins Allegro, spielen aber immer noch Viertel.
Auch das funktioniert noch sehr gut aus dem Arm. Jetzt bleiben Sie im Allegro und spielen statt der Viertel die notierten Sechzehntel, Sie vervierfachen also das Tempo.
Wenn Sie die bisherige Technik beibehalten, werden Sie nach einem Takt das Gefühl haben, Ihr Arm wird lahm.
Um genau das zu vermeiden, spielen Sie jetzt die Saitenwechsel ausschließlich aus dem Handgelenk. Spüren Sie den Unterschied? Die Bogenführung wird zwar ein wenig labiler, aber das Tempo ist machbar.
Das ist der Preis, den wir zu zahlen haben, wenn wir die Technik ein wenig anpassen. Jedoch gibt es keine andere Lösung.
Wenn Sie sich daran gewöhnt haben, üben Sie die Stelle wie üblich, also z.B. mit Rhythmen:

Diese Rhythmen habe ich hier genauer beschrieben. Auf diese Weise können Sie o.a. Passage innerhalb sehr kurzer Zeit auf ein eindrucksvolles Tempo heben, ohne allzu große Einbußen bei der Intonation oder Genauigkeit zu erleiden.













{ 15 comments… read them below or add one }
Danke für die Tips, ich geh gleich die Sachen ausprobieren …
E-Dur oder A-Dur?
Das Konzert ist in a-Moll, der Abschnitt in A-Dur und die Passage in E-Dur.
Hui…
sehr kompliziert!
Nicht doch… Es stehen drei Kreuze als Vorzeichen, somit generell entweder A-Dur oder fis-Moll.
Jetzt nehmen wir den ersten Takt der oben abgedruckten Noten. Welches Tonmaterial haben wir?
E, H und Gis, in dieser Reihenfolge. Andere Töne kommen in diesem Takt nicht vor. Diese Töne bringen wir mittels Terzschichtung in die richtige Reihenfolge. Von unten sind das dann:
E-Gis-H. Also irgendetwas mit E. Große Terz liegt unten – ergo:
E-Dur.
Der zweite Takt agiert als Dominante zu unserer neuen Tonika E-Dur. Wir haben also H-Dur. Im “Bass”, also in der unteren Stimme haben wir Durchgangsnoten. Geschrieben wird das als “D” für Dominante, darunter steht dann
7-6-5-4-3-4-5. Es wird also nicht jeder einzelne Ton harmonisch analysiert sondern in einen Kontext zur Dominante gebracht. Der erste Ton “A” ist die Septime in H-Dur. Der Rest ergibt sich dann von selbst.
soweit kann ich beim besten Willen nicht denken. Vorzeichen – letzte Note und dann ist Schluss. Ein Buch für Harmonielehre besitze ich zwar, es ist aber zu schwer, um mein Wissen auf einem hohen Niveau zu halten.
Die Übung werde ich auch ausprobieren. Ich habe das gleiche Problem beim Moto Perpetuo von Paganini direkt in der ersten Zeile. Links wäre ich schon ganz schnell, mit dem Bogen komme ich nicht hinterher, weil ich zu oft und zu schnell Saitenwechsel machen muss.
Hallo Stefan,
ich finde deine Beiträge und Tips hier einfach super, weißt du schon worüber der nächste Beitrag sein wird ?
Vielen Dank für den Zuspruch! Eigentlich fehlt noch ein Teil zu den Tonleitern. Optimale Zeiteinteilung oder so ähnlich.
Danach wollen wir mal schauen. Ich dachte eigentlich an eine längere Serie zu Etüden.
Ich hätte da noch eine Ergänzung: Führt man den Saitenwechsel mit mehr oder weniger reinen Handbewegungen aus, also aus dem Handgelenk heraus, spielt man mit dem oberen Bereich des Bogens (also je schneller desto mehr an der Spitze), umgekehrt, arbeitet man mit vollem Ellbogen, so wird in der unteren Hälfte gespielt.
Richtig oder voll daneben?!
Ziemlich richtig…
Mehr oder weniger reine Handbewegungen finden in der oberen Hälfte bis Mitte des Bogens statt. Schon der höheren Geschwindigkeit wegen, andernfalls würden diese Saitenwechsel keinen Sinn machen.
Mit dem ganzen Arm (aus dem Ellenbogen) vollführen wir die Saitenwechsel allerdings überall. Denn die Geschwindigkeit wird deutlich langsamer sein, sonst würden wir ja wieder aus dem Handgelenk “schütteln” bzw. “winken”.
Die Saitenwechsel aus dem Handgelenk sind ein Sonderfall, eine Ausnahme, wenn wir anders nicht weiterkommen. An allen anderen Stellen spielen wir die Saitenwechsel aus dem Ellenbogen, egal ob an der Spitze, in der Mitte oder am Frosch.
Ich finde den Satz “Grundsätzlich werden Saitenwechsel aus dem Ellenbogen ausgeführt” mindestens missverständlich.
Beim Saitenwechsel ist – so er langsam ausgeführt werden kann – auf jeden Fall die Schulter beteiligt, wie auch der Satz “Die Saitenwechsel führen Sie wie gewohnt aus dem ganzen Arm aus” anzeigt.
Dann noch einmal weniger missverständlich:
Saitenwechsel werden aus dem Arm ausgeführt. Anders ausgedrückt bewegt sich der Ellenbogen rauf und runter, je nachdem, auf welcher Saite wir unterwegs sind.
Die Bewegung des Armes, die den Ellenbogen auf und ab bewegt, kommt aus dem Schultergelenk. Die Schulter selbst bleibt dabei aber unbeteiligt, sie hängt genauso locker, wie sie normalerweise bei herabhängendem Arm hängt. Keinesfalls sollten wir eine Bewegung anwenden, wie wir sie beim Achselzucken benutzen, denn das würde Verspannungen hervorrufen.
Letzteres Problem ist der Hauptgrund, weshalb ich gerne die Schulter aus dieser Überlegung herauslasse. Wenn ich als Geiger denke der Ellenbogen muss nach oben, wenn ich auf die G-Saite möchte, so ist es sicherer für meine hängende Schulter und dass sie auch hängen bleibt, als wenn ich denke ich muss mein Schultergelenk solange bewegen, bis sich mein Arm und damit der Ellenbogen in der korrekten Position befindet.
Die Gefahr, meine gesamte Schulter nach oben zu ziehen, ist groß, wenn ich noch nicht so lange dabei bin.
Daher rührt der Ausdruck, Saitenwechsel aus dem Ellenbogen auszuführen. Besser wäre vielleicht mit dem Ellenbogen. Oder der Ellenbogen muss rauf und runter.
Welches Vorgehen würden Sie mir anfangs empfehlen, um wieder reinzukommen? Ich war mal eine recht gute Amateurgeigerin (kam bis Mendelssohn-Violinkonzert, Sarasate-Zigeunerweisen), habe aber gut 10 Jahre nicht gespielt. Was soll ich tun, erstmal viel Material spielen, mit dem Risiko, Fehler einzuschleifen bzw. zu schnell Hornhaut zu kriegen etc. pp.? Und dafür dem großen Plus, wieder (hoffentlich) schnell Gefühl fürs Spielen zu kriegen? Oder lieber nur systematisch aufbauen? Ich weiß nicht, ob ich dafür den Atem und die Geduld habe, da bleibt sicher die Freude auf der Strecke.
Die Freude darf auf keinen Fall auf der Strecke bleiben, jetzt, wo Sie sich dazu entschlossen haben, wieder loszulegen.
Andererseits sollten Sie sich keinen Illusionen hingeben, genau dort wieder anknüpfen zu können, wo Sie damals aufgehört haben, obwohl vieles nur verschüttet, nicht aber verlernt sein wird.
Der goldene Mittelweg ist das, was Sie wieder zum Erfolg bringen wird. Viel Material ist gut – nur welches?
Ich rate zu (guten) Etüden, die möglichst interessant sein sollten. Mazas Heft 2 ist gut. Kreutzer ist ausgezeichnet. Dort haben Sie jede Menge Spielspaß, da es quasi Konzertetüden sind, trotzdem aber kümmern Sie sich um Ihre Technik.
Vor allem aber: Spielen Sie langsam und sehr viel vor dem Spiegel. Die visuelle Kontrolle ist nicht zu unterschätzen. Sie merken sofort, wenn Sie Bewegungen vollführen, die so nicht akzeptabel sind.
Geduld benötigen Sie allerdings allemal. Haben Sie in der letzten Zeit einmal Arnold Schwarzenegger im Fernsehen gesehen? Erinnern Sie sich daran, wie er z.B. bei Terminator aussah? Ich möchte jetzt nicht auf seine schauspielerischen Fähigkeiten eingehen, aber der Körper passt sich an die jeweiligen Gegebenheiten an. Er hat einen vollkommen anderen Körperbau bekommen, aufgrund seiner Arbeit als “Gouvernator”.
Wenn wir das Geigen für eine Weile einstellen, geschieht mit uns ähnliches. Dessen müssen Sie sich bewusst sein, sonst ist der Frust groß. Andererseits verlernt der Körper niemals vollkommen, was er einmal beherrschte. Genauso, wie Arnie wieder schneller Muskelpakete aufbauen könnte als andere Menschen, können Sie viel schneller wieder Ihre verloren geglaubten Fähigkeiten aufbauen als andere Menschen, die völlig neu lernen müssen.
Spielen Sie langsam. Widerstehen Sie der Versuchung, “loszuschrubben”. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn Sie Stücke spielen, die technisch etwas unterhalb von Mendelssohn oder Sarasate angesiedelt sind, solange Sie es langsam tun. Nur so können Sie sich auch um Ihre Technik kümmern, und der Spaß bleibt auch nicht auf der Strecke. Wenn Sie dann wieder Ihre alte Kondition erlangt haben, können Sie auch wieder Tonleitern einschieben, die Sie jetzt nur dann spielen sollten, wenn Sie die Lust ganz bestimmt nicht verlieren.
Ich wünsche Ihnen aber viel Erfolg dabei – es lohnt sich!
Hallo Herr Maus & ganz herzlichen Dank für die Tips und Ihre Ermutigung! Ich könnte mich auch in den Hintern beißen, daß ich überhaupt so lange aufgehört habe … Jedenfalls: besser jetzt als nie, und zum Glück gibts inzwischen so tolle Geigenseiten wie Ihre im Netz (und außerdem youtube) Also dann man los!!