Die Ferien sind vorüber, die Arbeit mit der Geige beginnt von neuem, und die Frage taucht wieder auf:
“Wie lange soll ich üben, und wieviel Zeit soll ich für die einzelnen Bereiche meines Repertoires investieren?”
Als Lehrer bin ich versucht zu sagen “so viel und lange wie möglich”. Jedoch ist das nur zum Teil richtig. Unsere Konzentration wird uns früher oder später einen Strich durch die Rechnung machen, und dann kann es sogar schädlich sein, wenn wir in diesem Moment weiter üben. Die Gefahr ist groß, dass wir uns verkehrte oder ungenaue Dinge einüben, nur weil wir zu müde sind, uns genau zuzuhören.
Wesentlich besser ist es, wenn wir in Etappen üben. Nicht umsonst dauern die durchschnittlichen Schulstunden 45 Minuten. Diese Regel können wir auch für unsere Übe-Arbeit anwenden. Wir üben in Einheiten von etwa 45 Minuten und legen dann eine Pause ein. Fünf Minuten Pause bei möglichst frischer Luft können Wunder wirken.
Warten Sie nicht, bis Sie müde sind, machen Sie schon kurz vorher eine kleine Pause, dann halten Sie Ihre Konzentration länger am Leben.
Viel wichtiger ist es, dass Sie täglich üben. Das ist weitaus produktiver, als wenn Sie versuchen, das versäumte Pensum in einer Gewalt-Aktion am Wochenende nachzuholen.
Wie teilen wir unsere Übezeit ein?
Es kommt darauf an, auf welchem Leistungsstand Sie sind. Erlernen Sie neue Techniken? Haben Sie gerade den Lehrer gewechselt? Sind Sie noch unsicher bei den Lagenwechseln? Stellen Sie gerade Ihre Bogentechnik um?
In diesem Fall sollten Sie Ihre Übezeit etwa in Dritteln einteilen:

Also z.B. 45 Minuten Tonleitern, Lagenwechsel, Bogentechnik, dann 45 Minuten Etüde, danach dann 45 bis 60 Minuten Repertoire, also die Musikstücke, die Sie gerade erarbeiten.
Auf diese Weise kommen Sie auf 2:15 bis 2:30 Stunden.
Haben Sie nur 90 Minuten Zeit? Dann reduzieren Sie Technik und Etüde auf jeweils 30 Minuten.
Wenn Sie keinerlei “Neuigkeiten” in Ihrer Technik zu bewältigen haben und lediglich bekannte Dinge festigen wollen, können Sie die Gewichtung etwas anpassen:

In diesem Fall reduzieren wir den Technikanteil zugunsten des Repertoires. Das ist auch sinnvoll, wenn Sie sehr viele oder schwierige Stücke zu erarbeiten haben und entspricht auch in etwa der Zeiteinteilung, die im Studium empfehlenswert ist.
Haben Sie demnächst ein Konzert, eine Aufnahmeprüfung oder ein Probespiel?

Diese Einteilung ist nur dann sinnvoll, wenn Sie innerhalb der nächsten zwei Wochen etwas wirklich wichtiges mit Ihrem Instrument vorhaben, denn Technik und Etüde werden dabei eher stiefmütterlich behandelt.
Nach dem – hoffentlich bestandenen – Probespiel sollten Sie wieder zur zweiten Version übergehen, da Sie sonst mittelfristig Technik-Einbußen erleiden würden.
Für Kinder, die nicht mehr nach einer Geigenschule vorgehen, sondern schon so weit fortgeschritten sind, dass sie bereits eine Einteilung in Technik, Etüde und Repertoire vornehmen, empfiehlt sich die zweite oder sogar die dritte Lösung, da die Gefahr aufkommender Langeweile minimiert werden kann.













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Hallo Stefan,
Ich habe mir vorgenommen, mehr zu üben, damit ich mein Programm besser spielen kann, allerdings lässt meine Konzentration nach 2-3 Stunden stark nach, sodass ich danach nicht mehr kann, auch wenn ich nach jeder stunde 5-15 min Pause einlege, was könnte man machen um länger über zu können ? Denn im moment übe ich so: 1 Stunde Tonleiter,15 min Pause, 1 Stunde Etüden, 15 min Pause und dann kann ich nur noch 30-45 min mein Repertoire üben, das reicht aber nicht. Vielleicht könntest du mir weiter helfen…
Trainingssache. Klingt einfach, kostet aber ein wenig Geduld.
Mach nach der Etüde eine längere Pause, gehe spazieren, joggen (kein Marathonlauf, vielleicht eine halbe Stunde), irgendetwas vollkommen anderes, durch das Du Dein Gehirn wieder freibekommst. Danach fang mit Deinem Repertoire an.
Ich weiß nicht, wie Deine Zeitplanung ansonsten aussieht, aber z.B. am Vormittag die Technik zu bearbeiten, ist schon einmal gut. Wenn Du Dich dann nachmittags an Dein Repertoire wagst, hast Du sehr gute Chancen, noch einmal, über den Nachmittag verteilt, auf drei Stunden zu kommen.
Mit der Zeit wird sich Dein Gehirn an diese Mehr-Belastung gewöhnen, und Du kannst auf das Joggen verzichten. Obwohl es Dir Deine Kondition danken wird, wenn Du läufst…
Im Ernst – ein wenig fingerschonender Sport zwischendurch bringt unglaublich viel, um Dein Gehirn durchzupusten.
Ich danke dir für die schnelle Antwort,
das Joggen hilft mir sehr gut und meine Kondition wird sich in ein paar Wocher sicher auch verbessern, wie lange sollte man durchschnittlich mit 15 Jahren üben, wenn man später Berufsmusiker werden will ?
Ach herrje… So viel wie möglich.
Das kann man unmöglich so pauschal sagen, auch nicht per Durchschnitt. Es hängt von so vielen Faktoren ab.
Wie weit bist Du?
Welches Repertoire willst Du erarbeiten?
Wie konzentriert übst Du?
Auf welchem Stand ist Deine Technik?
Musst Du noch Dinge umstellen, oder geht es “nur” ums Erarbeiten neuer Stücke und Techniken?
Was verstehst Du unter Berufsmusiker?
Welchen Lehrer hast Du?
Ich könnte immer so weitermachen. Aber sagen wir mal so – wenn Du schon recht weit bist, liegst Du mit 1 Stunde Tonleitern (Z.B. Flesch oder Galamian), 1 Stunde Etüden (Schwierigkeitsgrad Kreutzer), 2 Stunden Repertoire (Bach + irgendein Konzert bzw. Konzertstück) sehr gut. Aber das hängt auch maßgeblich von Deiner Begabung ab. Wenn Du durchschnittlich begabt bist, kommt das in etwa hin. Wenn Du alles über Fleiß erreichen musst, kann es schwierig werden. Wenn Du überdurchschnittlich begabt bist, könntest Du momentan vielleicht sogar mit weniger auskommen, erreichst aber auch nicht so viel.
Ich will mich da nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, da ich keine Ahnung habe, wie und was Du spielst, daher meine vorsichtige Einschätzung.
Wenn Du aber 15 bist und bereits weißt, dass das Dein Beruf ist, den Du später ausüben willst (also z.B. Orchestermusiker), solltest Du alles dransetzen, diesen Traum zu verwirklichen. Es gibt etliche Geiger, die nur deshalb gescheitert sind, weil sie irgendwann die Energie und die Lust verloren haben. Beschränke Dich nicht nur auf die Geige. Lies viel über Musik im allgemeinen.
Nimm Klavierunterricht (brauchst Du sowieso als Zweitinstrument).
Kümmere Dich um die Musiktheorie, je eher, desto besser. (Grabner, Ziegenrücker, Wolf)
Wie sieht es mit Musikgeschichte aus? Immer ein kleines bisschen vor dem Schlafengehen, dann macht Dir in zwei, drei Jahren keiner mehr was vor. (Wörner ist sehr gut, aber auch sehr ausführlich)
Gehörbildung wäre nicht schlecht, denn wenn Du jetzt schon in der Lage bist, ein einstimmiges Notendiktat vernünftig über die Bühne zu bringen, ist eine Aufnahmeprüfung mit 19 kalter Kaffee.
Und vor allem: Zieh die Schule trotzdem vernünftig durch, Du weißt nie, wie blöde Du beim Stolpern auf Deine Finger fällst…