Das Lampenfieber Teil 2

by Stefan Maus

Viele Musiker, die ein Konzert planen, haben Angst vor heiklen Stellen. Sie haben Angst, sich dort zu verspielen, sie warten schon förmlich auf die schwierige Stelle, auf die Angst-Passage, auf den dummen Lagenwechsel von der zweiten in die achte Lage. Sie stellen sich noch wenige Minuten vor dem Auftritt ins Stimmzimmer, um den fraglichen Lauf immer und immer wieder zu spielen.

Warum handeln wir so? Weshalb haben wir Angst vor diesen Stellen?

Die Antwort ist trivial: Wir beherrschen diese Passagen nicht so gut wie andere Läufe, die wir quasi aus dem Handgelenk schütteln.
Haben wir Angst, uns bei einer leeren Saite zu verspielen? Wohl kaum. Haben wir Angst, “Hänschen klein” oder “Im Frühtau zu Berge” durch technische Unzulänglichkeiten zu verderben? Eher selten.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine schwierige Passage genauso sicher spielen wie ein Volkslied. Hätten Sie noch Angst davor? Vermutlich deutlich weniger.

Und genau hier liegt die Lösung für diesen Bereich unseres Lampenfiebers, unserer Auftrittsangst. Vorbereitung ist das halbe Leben.

Diese Vorbereitung findet nicht wenige Minuten vor dem Auftritt statt. Durch hektisches Durchspielen derartiger Stellen verschlimmern wir unsere Nervosität nur. Das, was wir in den vergangenen Wochen oder sogar Monaten versäumt haben, können wir sicherlich nicht mehr in den letzten 5 Minuten vor unserem Konzert reparieren.

Wenn wir uns vor einer Stelle fürchten, haben wir sie nicht gut genug geübt, denn sonst müssten wir uns nicht fürchten. Das klingt sehr einfach und ist es eigentlich auch.
Wir müssen in der Lage sein, die betreffenden Stellen rauf, runter, vorwärts, rückwärts, an jedem beliebigen Punkt beginnend spielen zu können.
Wir werden nachts um drei geweckt und müssen die Stelle spielen können. Auch noch nach dem Genuss von zwei Gläsern Wein. Wir müssen so sicher sein, dass wir auch noch bei 50% Leistungsfähigkeit ein gewisses Niveau niemals unterschreiten.

Die Bekämpfung dieser Art von Lampenfieber beginnt schon Wochen oder Monate vor dem Konzert. Wir haben genügend Zeit, die für uns schweren Läufe oder Doppelgriffe so zu üben, dass sie buchstäblich im Schlaf abrufbar sind.
Wir müssen auch hier wieder den Mechanismus des Automatisierens in Gang setzen. Die Läufe müssen automatisch ablaufen, so dass wir uns nicht weiter darauf konzentrieren müssen und unsere Gehirnkapazität für wichtigere Dinge nutzen können: der Präsentation schöner Musik.

Spielen Sie nicht fünfzigmal die Kantilene, die Sie sowieso beherrschen. Spielen Sie lieber hundertmal in langsamen Tempo den schwierigen Aufgang danach. In kleinen Abschnitten, in größeren Teilen, in Intervallen, in allen möglichen Variationen und Schattierungen. Der eigentliche Spaß beginnt dann im Konzert, wenn alles läuft. Garantiert, wenn Sie es richtig geübt haben.

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{ 5 comments… read them below or add one }

Herald May 5, 2009 at 12:44

“Vorbereitung ist das halbe Leben”
das stimmt natürlich. Aber…
…die andere Hälfte, aus der die Lähmung kommt, reicht völlig aus, um alles kaputt zu machen! Darüber hören wir vermutlich im nächsten Beitrag?

Reply

Stefan Maus May 5, 2009 at 19:29

Ich versuche, so viele Aspekte wie möglich zu behandeln. Obwohl es auch Fälle gibt, in denen die meisten vorbereitenden und psychischen Mittel allenfalls eine Linderung darstellen.
Wenn eine Lähmung vorliegt, ist das Lampenfieber allerdings schon so stark, dass man es selten mit nur einer Maßnahme in den Griff bekommen kann.

Reply

Herald May 6, 2009 at 8:51

ja, Lähmung hört sich wirklich schlimm an. Ich meinte eigentlich Lampenfieber, egal welcher Art. Ich finde eben das Lampenfieber schlimm, das nichts mit der Vorbereitung zu tun hat. Wenn man nicht richtig vorbereitet ist, hat man meiner Meinung nach eine berechtigte Angst vor dem Auftritt. Unter Lampenfieber verstehe ich etwas, was nicht berechtigt ist. Wozu man eigentlich gar keinen Grund hat, weil man eben gut vorbereitet ist und das Lampenfieber kommt trotzdem.

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cheap customers do company December 27, 2017 at 11:41

Y ou could play a difficult passage just as surely as a folk song…And this is precisely the solution for of this issue. Preparation is half the life.

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get essay editor com professional essays editing December 29, 2017 at 11:51

The fear of the scene is a very common phenomenon among many actors. even though they are not the first time to go on stage.

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