Verehrte Leserinnen und Leser, eigentlich wollte ich an diesem Wochenende einen Beitrag zur Bogenhaltung schreiben. Gerade in den letzten Tagen häuften sich jedoch Anfragen bezüglich des Übens von Tonleitern. Der Artikel muss wohl noch ein wenig auf Eis liegen.
Einer meiner Lehrer sagte vor vielen Jahren in etwa folgendes zu mir:
Jeder Geiger, der auch nur ein Mindestmaß an Erfolg haben will, muss sich täglich mit Tonleitern auseinandersetzen.
Die täglichen Tonleitern sind das A und O des ernsthaften Geigens.
Ein bemerkenswerter Ausspruch, der zwar sehr hart klingt, jedoch viel Wahrheit beinhaltet. Mindestmaß an Erfolg mag man definieren, wie man will, es ändert nichts an der Tatsache, dass das tägliche Studium von Tonleitern einen sehr großen und positiven Einfluss auf unsere gesamte Technik hat und somit zum täglichen Brot eines jeden Berufsmusikers und engagierten Amateurs gehören sollte.
Die Voraussetzung dafür ist eine gewisse Reife und damit verbundene Selbstdisziplin des Geigers, denn Tonleitern sind naturgemäß etwas trockener als z.B. das Sibelius-Konzert.
Der ungarische Violinpädagoge Carl Flesch hat ein sehr umfassendes Werk geschrieben, sein Skalensystem. Es sollte in keinem Haushalt fehlen, in dem regelmäßig und gut Geige gespielt wird.
Flesch hat dieses Buch nach Tonarten geordnet, was zur Folge hat, dass es sehr dick geworden ist. Leider gibt es dazu auch keine brauchbare Anleitung mitgeliefert, so dass der Geiger mehr oder weniger sich selbst überlassen bleibt. Eigentlich schade, da dadurch sehr viel von dem verlorengeht, was technisch herauszuziehen ist.
Im folgenden möchte ich eine Art Gebrauchsanweisung nachliefern, die weder allgemeingültig noch das Maß aller Dinge sein will. Es ist jedoch eine sehr gute Möglichkeit, sich erfolgreich diesem umfangreichen Werk zu nähern, so dass jeder die Gelegenheit hat, das bestmögliche Ergebnis für sich zu erzielen.
Wir beginnen auf der A-Saite, weil sie sehr angenehm zu greifen ist, so weit unten wie möglich. Das ist bei den Flesch-Tonleitern B-Dur. Wir suchen uns also im Buch B-Dur und beschränken uns zunächst auf die erste Seite.
Wir sehen alle möglichen Tonleitern, Dreiklänge, verminderte Akkorde, gebrochene Terzen usw. auf allen vier Saiten.
Keinesfalls sollten wir alles nacheinander durchspielen. Im Gegenteil, wir konzentrieren uns immer auf eine Tonleiter, auf einen Dreiklang, und diesen Teil üben wir in unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Erst danach gehen wir zum nächsten Akkord weiter.
Das sieht folgendermaßen aus:

Beachten Sie bitte dabei – alles findet auf der A-Saite statt. Wir landen also auf dem oberen b in der fünften Lage.
Das Metronom stellen wir dabei auf etwa 56 – 66 Schläge pro Minute und lassen es dabei Viertel zählen.
Eine Wiederholung, und weiter geht’s :

Den Fingersatz habe ich mir jetzt hier gespart, es ist natürlich derselbe wie oben. Wir verdoppeln die Geschwindigkeit, spielen aber immer noch zwei Viertel pro Bogen.
Auch das wiederholen wir und gehen danach weiter:

Es wird schwieriger. Anfangs wird hier vermutlich mit dieser Tonleiter Schluss sein. Wenn Sie einige Tage oder notfalls Wochen dabei sind, legen Sie noch eine Geschwindigkeit nach:

Und das wird jetzt richtig unangenehm, da wir nicht im Pfusch versinken wollen, sondern des Übeeffekts wegen auf die Präzision achten müssen. Und das auch noch mit Metronom.
Wenn Sie diese Tonleiter bewältigt haben, egal, in wie vielen Geschwindigkeiten, gehen Sie weiter zu den Dreiklängen. Vorher nicht.
Wir beginnen also mit b-Moll:

Hierbei gilt dasselbe wie oben: Dieselbe Metronomzahl, mindestens eine Wiederholung, und das ganze auf der A-Saite.
Danach gehen wir wieder weiter:

Der Fingersatz ist auch hier wieder derselbe wie oben. Wir schließen die folgende Formel an:

Und wenn Sie diesen Dreiklang erfolgreich bewältigt haben, versuchen Sie die vierte Version:

Eigentlich müssten das Sextolen sein, aber meine Freeware-Notendruck-Software hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Nach dieser Tonart nehmen Sie sich nach demselben Muster die anderen Dreiklänge vor. Alle der Reihe nach: B-Dur, g-Moll, Es-Dur und es-Moll.
Anschließend folgt wieder etwas neues: der Dv und der D7:

Auch hier wieder alles auf der A-Saite. Ich würde in diesem Fall auf dem E mit dem ersten Finger in die vierte Lage gehen und das B nach oben ablangen.
Nach unserem bekannten Muster gehen wir weiter vor:

Mindestens eine Wiederholung, und wir werden schneller:

Können Sie noch?
Dann werden Sie noch schneller:

Erst danach wenden Sie sich dem D7 zu.
Vergessen Sie nicht: Es ist alles eine Übungssache. Anfangs wird es sehr schwierig, vielleicht sogar unmöglich sein, vier Geschwindigkeiten zu spielen. Aber denken Sie daran, in wenigen Wochen konsequenten Übens werden Sie in der Lage sein, die dritte und vielleicht sogar auch die vierte Geschwindigkeit zu spielen.
In Teil 2 werden wir in unserer Flesch-Bedienungsanleitung weiter in die gebrochenen Terzen und die Chromatik gehen.
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Üben!













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Aaaalso, ich bin ja bekennender Tonleiternüber, aber im Moment habe ich eine schwere Aufstrichkrise und würde mich daher sehr über alternierende Beiträge zur Bogentechnik freuen!!!!
Ich werde mal sehen, was sich machen lässt. Der nächste Beitrag wird aber noch über Flesch sein müssen, da wir sonst mitten in den Tonleitern stehen bleiben…
Ich finde deinen Artikel zur Flesch-Tonleiter einfach absolut gelungen und wirklich für jeden verständlich!!
Ich freue mich schon auf die Fortsetzung!!
Und – wenn es nicht zu vermessen ist- würde mich auch mal in nächster Zukunft ein Beitrag zu Stricharten interessieren, also Bogenaufteilung, verschiedene Geschwindigkeiten, Viotti- und andere besondere Striche.
Da ich immer maßlos bin, hätte ich noch mehr Ideen auf Lager z.B. eine Gegenüberstellung von verschiedenen Stilen, wie es ja vereinzelt schon immer mal anklingt (z.B. Triller im Barock, in der Romantik, Lagenwechsel in alter und neuer Musik, kurze detaché-Striche versus staccato, sautillé, spiccato, “romantisches” Vibrieren versus barockes, Flageolett-Töne (wie z.B. im Thais) und ihre Effekte…..).
Und last but not least, der versprochene Artikel zu verschiedenen Schulen der Geigenpädagogik, also russische versus französische, ungarischen versus deutsche u.s.w. – gibt es versus oder ergänzen sie sich?
lg Tabea
Du meine Güte! Tabea, damit sind wir bis Juli beschäftigt… Aber tolle Ideen dabei – vielen Dank!
Moin
Macht es Sinn diese Übung auch dann zu machen, wenn man noch nicht bis zur fünften Lage offiziel kommt? Oder wäre es dann besser mit Saitenwechsel zu arbeiten..?
Diese Übungen machen nur Sinn, wenn man bereits in dieser Lage gespielt hat und weiß, was man tut. Die Gefahr ist groß, sich falsche Dinge einzuüben, wenn man noch keinen Kontakt mit den höheren Lagen hatte.
Gerade der “Umbau” der Haltung von der vierten in die fünfte Lage ist sehr interessant und wichtig. Ich hatte hier einen Artikel dazu geschrieben. Flesch ist schon ein wenig anspruchsvoller, besser wären Übungen z.B. von Sevcik für den Anfang, um sich erst einmal an das Lagenspiel und die Lagenwechsel zu gewöhnen.
Ich komme schon bei der allerersten Übung mit dem eingezeichneten Fingersatz nicht klar: Die erste Note “b” ist mit dem 1.Finger zu spielen, danach das “c” mit dem zweiten Finger. Da ist dann ein Bindebogen vom “c” zum “d”, das wiederum mit dem 1. Finger zu spielen ist. Wie geht denn das zusammen: ein Lagewechsel zwischen zwei gebundenen Noten?
Das kommt in der Violinliteratur sogar sehr häufig vor. Im Vordergrund steht für uns immer der musikalische Ausdruck. Also Dynamik und auch Artikulation.
Wenn vom Komponisten ausdrücklich ein Bindebogen gewünscht wird oder wir aus musikalischen Gründen nicht auf die Bindung verzichten können oder wollen, dürfen wir ihn nicht einfach weglassen, nur weil wir vielleicht ein Fingersatz- oder Lagenwechsel-Problem haben.
Ich habe z.B. hier
http://www.sdmaus.com/geigenblog/mysterium-lagenwechsel-teil-6.html und hier
http://www.sdmaus.com/geigenblog/mysterium-lagenwechsel-teil-7.html
über genau solche Stellen geschrieben. Der Schlüssel dazu liegt in der geschickten Bogenführung bzw. der Bogengeschwindigkeit, so dass die Lagenwechsel in den meisten Fällen fast unhörbar werden.
Wie ist der Aufbau der B-Dur Tonleiter?? Den versteh ich nicht und ich finde es nicht gut, dass auf dieser Website nicht alle Tonleitern und der Aufbau mit den Noten davon nicht zu finden sind…!!
Jede Dur-Tonleiter ist gleich aufgebaut. Beginnend beim Grundton, also in unserem Fall das “B”, sind die ersten drei Töne oder Stufen im Ganztonabstand.
Dann kommt ein Halbtonschritt, also zwischen dem dritten und vierten Ton. Die nächsten vier Töne stehen wieder im Ganztonabstand.
Erst wieder zwischen Stufe 7 und 8 befindet sich ein Halbtonschritt.
Das sieht dann so aus:
B – C – D – EsF – G – AB
Jede Durtonleiter ist so aufgebaut, egal ob C-, B-, Fis- oder Des-Dur.
das ist eine sehr sehr doofe website!
Lieber Herr Maus
ich bin blutige Anfängerin und tummle mich noch in der ersten Lage herum, erste und zweite Griffart. Gibt es vielleicht auch für mich Tonleiterübungen, die ich schon praktizieren kann, um die Leichtigkeit der Finger und das Bogenführen zu üben?
Ich bin etwa auf dem Niveau von Bachs’ Menuett vermutlich für Anfänger vereinfacht.
herzlichen Dank und liebe Grüsse
Silvana