Die Wahl der Qual 1. Teil

by Stefan Maus

Es soll junge Menschen geben, die keine Ahnung haben, welchen Beruf sie später einmal ausüben möchten. Im Ernst, ich habe schon häufig selbst bei 17- und 18-Jährigen gehört, dass sie keine Vorstellung davon haben.
Wenn sie jünger sind, reduziert sich die Auswahl möglicher Berufe auf Tierärztin, Reitlehrerin, Berufspilot, Astronaut o.ä., aber mit fortschreitendem Alter herrscht zum Teil gähnende Leere.

In meinem Beruf als Musiklehrer werde ich immerhin ab und zu in einen Entscheidungsprozess eingebunden, der da heißt “Musiker oder nicht”.

Das Problem bei dem Beruf Musiker ist die Zeit. Die Zeit, die ich bisher investiert habe, um einen gewissen Qualitätsstandard zu erreichen. Wenn ich mich nach dem Abitur dazu entschließe, Medizin, Jura oder Afrikanistik zu studieren, brauche ich, abgesehen von einem etwaigen NC, kaum weitere Voraussetzungen, um mit dem Studium zu beginnen.

Als Musiker haben wir völlig andere Voraussetzungen und Anforderungen. Das durchschnittliche Musikstudium ist normalerweise nicht an einen bestimmten NC gebunden. Jeder “Hinz und Kunz” kann sich bewerben. Dafür müssen sich die potentiellen Musikstudenten einem harten Auswahlverfahren, genannt “Aufnahmeprüfung”, unterwerfen.
Um diese Aufnahmeprüfung erfolgreich zu überstehen, sind zunächst einmal sehr gute Fertigkeiten auf dem Hauptinstrument erforderlich. Je nach Hochschule können drei oder auch mehr Stücke unterschiedlicher Epochen gefordert werden, einige Hochschulen haben ebenso Etüden und eine Bach-Sonate oder -Partita auf dem Zettel.

Ferner wird ein zweites Instrument gefordert. In den meisten Fällen wird das Klavier sein. Die Anforderungen sind zwar nicht im entferntesten so hoch wie beim Hauptinstrument, jedoch sollten schon recht gute Kenntnisse vorhanden sein.

Damit nicht genug. Der Prüfling wird ferner auch noch in Musiktheorie, Gehörbildung, z.T. Formenkunde und Musikgeschichte befragt. Diese Teile der Aufnahmeprüfung sind zwar nicht so wild, verglichen mit der Prüfung im Hauptfach, aber sie werden ebenfalls bewertet und finden damit Niederschlag in einem Punktesystem, durch das dann das Endergebnis des Bewerbers ermittelt wird.

Ein Musikstudium mit Hauptfach Geige fällt damit schon für alle diejenigen aus, die sich erst kurzfristig dazu entschließen, diesen Beruf zu ergreifen. Die meisten Bewerber spielen seit mindestens zehn Jahren intensiv dieses Instrument, bis sie sich bei einer Hochschule vorstellen. Und die Anforderungen steigen von Jahr zu Jahr.

Sollte der Prüfling das harte Auswahlverfahren “unbeschadet” überstehen, heißt das noch lange nicht, dass er auch einen Studienplatz bekommt. Viele Hochschulen vergeben gerade einmal zwei oder drei Plätze für Geige pro Jahr. Die Aufnahmeprüfung bestehen jedoch vielleicht zehn Geiger. In diesem Fall zählt der Punktestand nach der Aufnahmeprüfung. Sollte dann jemand abspringen, weil er an einer anderen Hochschule ebenfalls aufgenommen wurde oder er aus anderen Gründen seinen Studienplatz nicht wahrnimmt, rückt der nächste in der Liste nach.

Danach beginnt für die Glücklichen, die es geschafft haben, das Studium. Mit Instrumentalunterricht, Orchesterspiel, Kammermusik, Meisterkursen, theoretischen Fächern, Klassenvorspielen, Zwischenprüfungen und jeder Menge Konzerten, in denen sie wertvolle Erfahrungen für ihre späteres Berufsleben sammeln.

Wenn die Musikstudenten ihr Studium erfolgreich beendet haben, geht es auf Stellensuche. Zu diesem Zweck empfiehlt sich die Lektüre der Zeitschrift “das Orchester“, einem Organ der Musiker-Gewerkschaft DOV. Dort sind alle wichtigen Stellenausschreibungen nahezu aller Kulturorchester im deutschsprachigen Raum enthalten. Je näher das Diplomprüfungskonzert rückt, desto häufiger sieht man die Studenten darin lesen, wenn sie darauf warten, dass eine Übezelle frei wird.

Und nach dem Prüfungskonzert und Kolloquium geht es erst richtig los…

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