Das effiziente Üben Teil 3

by Stefan Maus

Fassen wir noch einmal zusammen, liebe Leserinnen und Leser, wenn wir auf unserem Instrument wirklich weiterkommen und größtmögliche Präzision erreichen wollen, dürfen wir uns nicht verleiten lassen, zu viel und zu häufig unsere Stücke lediglich durchzuspielen, vor allem nicht in der Anfangsphase der Erarbeitung eines neuen Werkes.
Wir müssen unter allen Umständen vermeiden, dass wir uns Ungenauigkeiten oder gar Fehler einüben, die dann nur schwer wieder zu reparieren sind.

Wie gehen wir am besten an ein neues Stück heran?

Das hängt natürlich immer davon ab, wie schwierig dieses Stück für uns zu spielen ist. Generell sollten wir uns aber anfangs vor allem darum kümmern, dass wir eine saubere Intonation erreichen.
Wir zerlegen das Werk in seine Bestandteile, notfalls Takt für Takt und Note für Note, wenn wir unsicher sind. Die Stellen, die wir beherrschen, müssen wir natürlich nicht so häufig üben wie diejenigen, die uns noch Schwierigkeiten bereiten.

Sehen wir uns gemeinsam folgendes Stück an:

Brahms-T1-8.jpg

Wie Sie sehen, handelt es sich um die ersten Takte des Violinkonzerts von Johannes Brahms, zweifellos ein recht schwieriges und anspruchsvolles Werk.

Gehen wir einmal vom schlimmsten Fall aus: Es stimmt buchstäblich fast kein Ton. Alles ist unsauber und unsicher, die Lagenwechsel sind ein Lotteriespiel, von den Oktaven gar nicht zu reden.
Beginnen wir mit den ersten Tönen, am besten Intervall für Intervall:

Brahms01.jpg

Wie oft wir die einzelnen Intervalle wiederholen, hängt davon ab, wie “wach” wir noch sind, ich würde aber auch hier nicht häufiger als fünf- oder sechsmal wiederholen. Besser ist es, dann das nächste Intervall zu üben und danach wieder zum ersten zurückzukehren, wenn noch Übebedarf besteht.

Sie sehen, dass ich auch hier Striche eingezeichnet habe. Das hat den Sinn, dass wir die entsprechenden Intervalle mit exakt demselben Strich einüben, wie er auch im Zusammenhang auftreten wird.
Takt 2 also mit Abstrich anfangen, Takt 3 unbedingt mit Aufstrich, da im Original das “f” auch im Aufstrich gespielt wird.

Gehen wir an den nächsten Teil, unseren ersten Lagenwechsel in die fünfte Lage:

Brahms02.jpg

Auch hier wieder bitte mit dem Originalstrich spielen. Lagenwechsel üben wir am besten in beide Richtungen, also hinauf und wieder hinunter, um die Abstände der Bewegung besser einschätzen zu können.

Es folgt der erste schwierigere Teil:

Brahms03.jpg

Notfalls müssen wir uns auch hier wieder Intervall für Intervall vortasten. Die Oktave ist nicht so schwierig, wenn wir den ersten Finger stehenlassen und nur den vierten Finger zusätzlich aufsetzen. Auch diesen Teil wiederholen wir, wie gewohnt, etwa fünfmal und beginnen, die Quintole zusammenzusetzen:

Brahms04.jpg

Das müsste jetzt schon ganz gut klappen, da wir den Lagenwechsel bereits einzeln geübt haben. Wenn wir wollen, können wir jetzt vom Anfang des Stückes bis zur ersten Oktave spielen, um zu schauen, was bei uns hängengeblieben ist.

Wenn das soweit geklappt hat, wagen wir uns an die Oktaven. Zunächst spielen wir sie nacheinander, dann als Doppelgriff:

Brahms05.jpg

Es ist immer leichter, einen Doppelgriff nacheinander zu greifen als gleichzeitig. Auf die Weise lernen wir, wie groß die Abstände vom ersten zum vierten Finger sein müssen. Durch den Doppelgriff danach können wir kontrollieren, ob wir auch wirklich eine saubere Oktave getroffen haben.

Dann geht es daran, die einzelnen Oktaven, wenn sie als solche sauber sind, miteinander zu verbinden:

Brahms06.jpg

Da wir hier wieder Lagenwechsel vorliegen haben, gilt dasselbe wie oben:
Wir üben sie in beide Richtungen, um den korrekten Abstand zu gewährleisten.

In der nächsten Folge wagen wir uns wieder ein Stückchen weiter in diesem Violinkonzert. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Üben!

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Tabea December 12, 2008 at 9:47

Ich hatte erst doch Manchetten davor, hier weiter mitzumachen, denn Brahms ist ja wohl eigentlich noch nicht mein Niveau. Nachdem ich aber die folgenden Übeeinheiten gelesen habe, nehme ich mir vor, zumindest die von dir angebotenen Ausschnittchen mal anzufangen.

Denn du hast sie dermaßen aufgedröselt, dass man tatsächlich Licht im Tunnel sieht. Also ich habe richtig Lust bekommen, die so ausführlich von dir dargestellten Schrittchen nachzuvollziehen natürlich mit der Violine in der Hand.

Vielen Dank für dein wirklich tolles Übeprogramm!!!!!!!!!!

Tabea

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