Das effiziente Üben Teil 9

by Stefan Maus

In der vergangenen Woche bekam ich eine Zuschrift mit der Bitte, ich möge doch eine komplette Übeanleitung für Bruchs Violinkonzert liefern.
Die Schwierigkeit bei solchen Übeanleitungen liegt zum einen im reinen Umfang. Wollte ich eine komplette Anleitung liefern, müsste ich ein ganzes Buch veröffentlichen.
Zum anderen hat jeder Geiger an unterschiedlichen Stellen seine Probleme. Im Idealfall müsste ich also so viele Anleitungen liefern wie es Geiger gibt, die sich gerade mit Bruch auseinandersetzen.
Da beides aus Zeit- und Platzgründen nicht möglich ist, versuche ich mich an die Stellen zu halten, die erfahrungsgemäß die häufigsten Probleme verursachen. Ferner versuche ich, auf die Stellen einzugehen, auf die ich explizit angesprochen wurde.
Wenn Sie also, liebe Bruch-Fans, Interesse an einer ganz bestimmten Stelle haben, schreiben Sie doch einen Kommentar, ich werde dann versuchen, die betreffenden Stellen möglichst vollständig auseinanderzunehmen.

Beginnen wir mit dem Anfang des Stückes:

Bruchcpl01.jpg

Dieser Anfang wird häufig unterschätzt. Er sieht doch so leicht aus und ist so problemlos spielbar…
Das ist ein Irrtum. Die ersten Takte eines jeden Konzerts sind immens wichtig für uns.
Ein Beispiel aus der Geschäftswelt:
Stellen Sie sich vor, Sie treffen jemanden, der Ihnen unbekannt ist. Dieser Mensch drückt Ihnen seine Visitenkarte in die Hand. Ist diese Visitenkarte gelungen, was das Design angeht? Ist sie knitterfrei und sauber? Oder sieht sie veknickt und verschmutzt aus, so als ob der Mensch sie bereits zwei Wochen lose in der Hosentasche mit sich herumgetragen hat?

Die ersten Töne eines Konzerts sind Ihre Visitenkarte! Verknicken Sie sie nicht. Liefern Sie sie unbeschmutzt beim Zuhörer ab, und er wird Ihnen viel positiver und wohlwollender zuhören.

Beginnen Sie den ersten Ton ohne Vibrato und “erwärmen” Sie ihn durch ein langsam beginnendes Vibrato. Das ist bei der leeren G-Saite ohne weiteres möglich, wenn Sie das darüber liegende G auf der D-Saite vibrieren. Pflegen Sie das Vibrato und spielen Sie nicht weiter als bis zum Ende von Takt 2.
Wenn Sie Intonationsprobleme haben, lösen Sie sie wie hier beschrieben.
Erst, wenn Sie zufrieden mit Ihrem Ergebnis sind, gehen Sie weiter, und kosten Sie jeden Ton aus. Da es eine langsame Einleitung ohne Orchesterbegleitung ist, können und sollten Sie jeden einzelnen Ton vibrieren.
Hierbei gilt genauso – anfangs nicht mehr als zwei Takte am Stück üben. Erst nach einer Weile sollten Sie die Einleitung zusammensetzen.

Der zweite Einsatz wird genauso wie der erste geübt, und denken Sie dabei an Ihr Vibrato und jeden einzelnen Ton zu pflegen!

Gehen wir zum ersten “richtigen” Einsatz mit Orchester:

Bruchcpl02.jpg

Die Schwierigkeit ist manchmal, die Terz auf Anhieb zu treffen. Unser erster Finger (in diesem Fall das D) ist unser Führungsfinger. Es ist leichter, in der dritten Lage den ersten Finger auf Anhieb zu treffen als gerade den dritten. Wir trainieren also die Treffsicherheit des ersten Fingers:

Bruchcpl03.jpg

Wir beginnen in der ersten Lage, gehen in die dritte Lage und setzen die Oktave an. Auf diese Weise gehen wir sicher, dass der erste Finger absolut sauber gesetzt wird. Wir üben also lediglich einen normalen Lagenwechsel von der ersten in die dritte Lage.
Die darauf folgende Terz ist dann kein Problem mehr, wenn wir den Lagenwechsel beibehalten und anstelle der leeren Saite den dritten Finger auf die D-Saite setzen. Versuchen Sie das aber erst, wenn Sie sicher den ersten Finger treffen. Der Rest geht dann fast von selbst.

Wie wir den Lauf danach üben, habe ich anhand der Parallelstelle acht Takte später an dieser Stelle beschrieben.

Für uns interessant ist wieder, wie wir am besten die Oktave nach dem hohen G treffen:

Bruchcpl04.jpg

Gelegentlich wird die Oktave nach der Pause mit dem Fingersatz 1-3 gespielt. Aus Gründen der Treffsicherheit würde ich an dieser Stelle immer 1-4 nehmen. Wir sind lediglich in der sechsten Lage, und dort ist es noch ohne Schwierigkeiten möglich, Oktaven mit 1-4 zu spielen.
Wir kommen also aus der achten Lage und wollen in die sechste Lage. Erinnern Sie sich noch an unsere Lagenwechsel-Serie? Wir rutschen auf dem zuletzt gespielten Finger in die gewünschte Lage.
In unserem Fall ist das vom zweiten Finger “G” zum zweiten Finger “Es”. Danach setzen wir den vierten Finger auf das “G” der Oktave und legen den ersten Finger “G” auf der A-Saite dazu:

Bruchcpl05.jpg

Beginnen Sie am besten in der achten Lage, um Zeit zu sparen, auf den halben Noten. Dann vollführen Sie den Lagenwechsel. Es wird deutlich leichter, diese Stelle zu spielen, wenn Sie es auf diese Art lösen.

In der nächsten Woche gehen wir wieder ein paar Takte weiter.
Viel Spaß beim Üben!

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{ 7 comments… read them below or add one }

Carolin January 11, 2009 at 20:33

Ich könnte stundenlang vor Ihrem Blog verbringen:-)Vielen Dank für diese wieder tolle Anleitung zum Bruch.Wahnsinnig interessant und bestimmt sehr hilfreich.So,jetzt mach ich mich wieder ans Üben:-)
Noch ein schönes Restwochenende wünsche ich Ihnen!

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Uschi January 12, 2009 at 15:43

Vielen Dank für diese tolle Übeanleitung für das Bruch-Konzert. Ich habe schon seit einigen Wochen mit dem Gedanken gespielt das Bruch-Konzert (wieder) zu üben.
Können Sie mir eine gute Ausgabe (va mit brauchbaren Fingersätzen)empfehlen?
Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg mit dem Geigenblog!

Reply

Stefan Maus January 13, 2009 at 0:05

Das ist eine schwierige Frage, da ich meine eigenen Fingersätze benutze. Ich kann nur sagen, welche Ausgabe ich nicht benutzen würde:
Oistrach.
Einer meiner Lehrer brachte es auf den Punkt: “Oistrach hat Hände wie Klodeckel”. Leider sind auch die Fingersätze z.T. entsprechend. Geeignet für Menschen mit geradezu riesigen Händen.
Ansonsten sind Fingersätze immer eine sehr persönliche Sache. Ich weiß nicht, ob Max Rostal eine Ausgabe bezeichnet hat. Wenn ja, würde ich es einmal mit dieser versuchen, denn z.B. seine Bach-Ausgabe der Solosonaten ist schon fast legendär.
Vielen Dank aber, auch an Carolin, für die netten Worte! Schön, wenn es Ihnen hier gefällt!

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Uschi January 13, 2009 at 21:11

Danke für den Tipp. Ich habe eine Ausgabe von Zino Francescatti, die ist glaub ich nicht so gut, aber ich werde schauen, ob es eine von Rostal gibt.
Viele liebe Grüße und noch einen schönen Abend!

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Jutta January 14, 2009 at 17:44

Vielen Dank auch von mir.Bei solch einem anspruchsvollen Werk kann man doch recht schnell verzweifeln beim Üben,aber mit einem Konzept steht man dann nicht mehr ganz so planlos da.Vielen Dank dafür.
Gruß
Jutta

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Kameleon January 16, 2009 at 9:14

Beginnen Sie den ersten Ton ohne Vibrato und “erwärmen” Sie ihn durch ein langsam beginnendes Vibrato. Das ist bei der leeren G-Saite ohne weiteres möglich, wenn Sie das darüber liegende G auf der D-Saite vibrieren.

Verblüffend, verstehe nicht wieso, aber das funktioniert wirklich!

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Stefan Maus January 16, 2009 at 12:09

Das kann ein Physiker sicherlich am besten erklären. Es gehört zum Bereich Schwingungen und Wellen.
Wenn wir eine Oktave höher spielen, verdoppeln wir die Frequenz. Wir halbieren also die Wellenlänge. Die Nullpunkte bleiben somit an derselben Stelle, es sind nur doppelt so viele. Damit bleibt das Schwingungsverhalten der Saite sehr ähnlich wie beim Originalton. Wenn wir das dann vibrieren, werden andere Vielfache (andere Oktaven) ebenso angeregt.
Am besten funktioniert das, wenn es auf derselben Frequenz geschieht. Also z.B. leere D-Saite spielen und das D auf der G-Saite vibrieren. Macht zwar keinen Sinn, da wir dann auch gleich das D auf der G-Saite streichen könnten, ist aber ein interessantes Experiment.
Wenn wir diese Möglichkeit nicht haben, ist die nächstbeste Version, ein Vielfaches dieser Frequenz zu nehmen.
Genau das ist es, was wir bei der leeren G-Saite ausnutzen.

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