Das Lampenfieber Teil 3

by Stefan Maus

Sehen wir uns “den Feind” einmal genauer an, liebe Leserinnen und Leser. Ich meine damit das Publikum.
Ist das Publikum wirklich unser Feind? Wir dürfen nicht vergessen, dass wir als Musiker auf der Bühne stehen, nicht als Politiker. Trotzdem haben viele Musiker den Eindruck, das Publikum sei eine amorphe Masse, mehr oder weniger feindlich gesinnt.
Weshalb kommt der durchschnittliche Konzertbesucher in eine Vorstellung?
Doch sicherlich nicht, um den Solisten zu zerreißen, sondern viel eher, weil er einen schönen Abend mit guter Musik genießen möchte.
Versetzen Sie sich einmal in die Lage des Zuhörers. Nach getaner Arbeit gehen Sie ins Konzert, weil Sie den Alltag vergessen möchten. Sie möchten nicht daran denken, dass Sie übermorgen irgendein Projekt abliefern müssen. Sie wollen sich nicht Gedanken machen über die bevorstehende Insolvenz Ihrer Firma, Sie möchten nicht darüber grübeln, ob Ihre Bewerbungsunterlagen auch vollständig eingereicht wurden.
Sitzen Sie jetzt im Konzert, reiben sich die Hände und sagen:
“So, jetzt wollen wir einmal sehen, wie der Solist mal so richtig den Bach runtergeht”?
Wohl kaum.
Ihre Zuschauer sind auf Ihrer Seite, sie sind quasi Ihre Freunde, die erwartungsvoll und mit leuchtenden Augen im Zuschauerraum sitzend darauf warten, dass sie endlich ihr geliebtes Violinkonzert hören können, das sie so gern haben.

Überhaupt, der Solist ist weitaus weniger wichtig als er häufig glaubt. Die eigentlichen Hauptpersonen sind der Komponist und sein Werk. Somit steht der Komponist wesentlich mehr in der Kritik als der Solist. Und als Zuschauer würde ich kaum sagen “na, das hätte ich auf meinem Computer aber besser hinbekommen als Herr Mozart”.

Als Musiker teilen Sie nur die schöne Musik mit Ihrem Publikum. Beide Seiten haben ihre Freude. Denken Sie nicht
“jetzt zeige ich Euch, wie toll ich bin” sondern vielmehr
“jetzt zeige ich Euch, wie genial Mozart war”.
Der einzige Unterschied zwischen Ihnen und Ihrem Publikum ist, Sie können es spielen, Ihr Publikum nicht. Genießen tun es aber alle, denn die Musik ist es, was Sie verbindet.

Wie gewöhnen wir uns an unser Publikum?

Gehen Sie, ähnlich wie bei Lagenwechseln, langsam an die Vorspielsituation heran. Machen Sie anfangs Aufnahmen von sich! Ein Mikrofon ist ein unbestechlicher Zuhörer, und manch einer wird dadurch bereits aufgeregt. Gewöhnen Sie sich an Ihr Mikrofon!

Der nächste Schritt ist das Vorspielen vor dem Ehepartner, LAG, Freund, Mitbewohner o.ä. Das sollte allerdings zunächst unvorbereitet geschehen. Unvorbereitet für den Partner. Wenn Sie sich sicher fühlen, gehen Sie ins Arbeitszimmer und fragen Ihren Partner, ob er “mal kurz” eine Stelle anhören könnte. Dadurch bleibt die Situation locker, spontan, nicht so “offiziell”.

Wenn Sie das einige Male gemacht haben, erschweren Sie die Übung.
“Heute abend um 19.30 Uhr spiele ich den ersten Satz aus dem x-y-z Violinkonzert”.
Vor Ihrem Partner. Ziehen Sie sich um. Tragen Sie andere Kleidung als alltags. Sie werden Spannung spüren, vielleicht sogar Aufregung. Das ist völlig normal und auch gut so, denn diese Art Aufregung hält Sie wach, sie verhindert, dass Sie sich nicht konzentrieren können.

Es ist ein sehr großer Unterschied zwischen “mal eben vorspielen” und einem echten Konzert. Durch die Verabredung “um 19.30 Uhr” und das Umziehen simulieren Sie so eine Situation, wenn auch in einem kleinen Kreis.

Wenn Sie sich daran gewöhnt haben, bitten Sie beim nächsten Vorspiel die Familie dazu, später dann Nachbarn oder Freunde und Bekannte.

Sie werden Erfolg haben, weil Sie sich langsam an die Situation gewöhnen, anderen Menschen zu zeigen, wie schön die Musik ist.
Noch einmal: Nicht Sie sind wichtig – auf die Musik kommt es an!

Vielen Musikern hilft es, wenn sie Kontakt zum Publikum halten, um das Sterile eines Vorspiels abzubauen. Durch den Kontakt sind Sie einer von ihnen.
Das geschieht am besten durch gelegentlichen Blickkontakt. Sehen Sie Ihre Zuschauer an! Aber nur, wenn es Sie nicht aus dem Konzept bringt! Versuchen Sie, schon beim Betreten der Bühne freundlich und positiv zu wirken, es sei denn, Sie spielen das War Requiem. Ihre Zuschauer werden sofort darauf reagieren und ebenso positiv sein.

Wie bereits oben erwähnt, besteht ein großer Unterschied zwischen dem spontanen Vorspielen und dem eigentlichen Konzert. Dabei ist es ziemlich egal, wie viele Zuhörer Sie haben. Ein verabredetes Vorspiel vor zwei Personen kann nervenaufreibender sein als ein spontanes Spiel in einer Kneipe mit 50 Gästen, und diesen Unterschied gilt es abzubauen.
Der Unterschied entsteht durch den Wegfall des Spontanen, bei dem auch etwas schiefgehen kann und dem Konzert, bei dem nichts schiefgehen darf, bei dem alles perfekt sein muss.

Warum eigentlich? Warum sind Jam-Sessions beim Jazz so ungeheuer reizvoll? Warum bringt es allen so einen großen Spaß, in einer irischen Kneipe mit ein paar Instrumenten Folksongs zum besten zu geben?

Die Antwort ist einfach: Die Spontaneität ist erhalten geblieben, die Vorstellung ist nicht steril geworden. In einem Konzert dürfen Fehler passieren, denn letztenendes sind wir Menschen und keine Maschinen.

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