Das Lampenfieber Teil 4

by Stefan Maus

Stellen Sie sich vor, liebe Leserinnen und Leser, Sie stehen auf der Bühne, alles läuft mehr oder weniger planmäßig, und aus heiterem Himmel fängt Ihr Bogen an zu zittern. Einfach so, ohne Vorwarnung.
Gelegentlich haben wir mit diesem Phänomen zu kämpfen, und häufig wissen wir nicht, was wir dagegen unternehmen sollen.
Beim nächsten Konzert sind wir aufgeregt. Nicht, weil wir das Gefühl haben, wir könnten das Stück nicht bewältigen. Im Gegenteil, wir wissen, dass wir gut geübt haben und alles klappen wird. Nein, wir haben Angst vor dem Bogenzittern. Wir haben Angst, Angst zu bekommen.
Das kann sich zu einem Teufelskreis entwickeln, den es zu durchbrechen gilt.

Warum zittert der Bogen überhaupt?

In den meisten Fällen sind wir in irgendeiner Weise verkrampft, was auch verständlich ist, denn ein Konzert stellt eine höhere psychische Belastung dar als das tägliche Üben.
Nehmen Sie einen Kasten Mineralwasser in die Hand und halten ihn eine Weile vor sich vor dem Bauch. Was passiert?
Innerhalb kurzer Zeit fangen Ihre Arme an zu zittern. Die ständige Belastung macht es fast unmöglich, die Arme ruhig zu halten, denn sie verkrampfen.

Ähnliches geschieht während des Bogenzitterns, nur mit kleineren Muskelgruppen. In unserem Fall betrifft es meistens den Daumen und den Mittelfinger, mit denen wir den Bogen festhalten.
Wenn Sie noch einmal nachlesen wollen, habe ich hier, in Teil 2 und in diesem Artikel über die Bogenhaltung geschrieben.

Wir müssen darauf achten, den Bogengriff nicht zu verkrampfen. Halten Sie Daumen und Mittelfinger bewusst locker, und Sie werden die zitternden Muskeln deutlich entspannen können und bereits dadurch das Zittern reduzieren können.

Ist Ihnen aufgefallen, dass Sie leichter zittern, wenn Sie viel Kaffee getrunken haben? Besonders, wenn Sie wenig Bogen nehmen, ist die Gefahr groß. Wenn Sie dagegen schneller streichen, nimmt das Zittern unter Kaffee-Einfluss ab.
Das können Sie auch in Konzert-Situationen ausnutzen. Wenn der Bogen zittert, streichen Sie einfach ein wenig schneller. Das klingt trivial, hilft aber in den meisten Fällen sofort, und es kehrt wieder Ruhe ein.
Es ist allemal besser, zwischendurch ein Piano zu opfern, als den ganzen Abend zu einer Zitter-Partie werden zu lassen.

Eine weitere Möglichkeit ist es, den Bogendruck zu manipulieren. Wenn wir jedoch nur stärker drücken, spannen wir wieder unsere Muskeln an, verspannen sie möglicherweise. Fast den gleichen Effekt erzielen wir aber, wenn wir im Moment des Zitterns den Ellenbogen ein wenig tiefer sinken lassen. Auch in diesem Fall wird das Zittern sofort gemildert.

Die vierte Möglichkeit ist eine sehr effektive. Vielleicht haben Sie es schon einmal gemerkt, wenn Sie aufgeregt sind. Unsere Atmung verändert sich. Wir atmen flacher, schneller, weniger mit Bauch und Zwerchfell und mehr mit der Brust.
Diesen Effekt können wir auch für unsere Zwecke nutzen. Wir tun genau das Gegenteil dessen, was der Körper unbewusst ablaufen lässt. Wenn wir aufgeregt sind, der Bogen anfängt zu zittern, atmen wir ganz bewusst tief und aus dem Bauch. Denken Sie dabei an Ihren Bauchnabel. Dort hinein muss die Luft.

Ich bekam neulich eine Mail einer Geigerin, die mir schrieb, dass sie ab und zu sogar das Atmen vergisst, wenn sie vorspielt. Natürlich fängt der Bogen dabei sofort an zu zittern.
In diesem Fall lautet mein Rat – atmen Sie tief ein, aus dem Bauch, und atmen Sie vor allem wieder sehr tief aus. Das Ausatmen ist fast noch wichtiger.
Erinnern Sie sich noch an den Sportunterricht in der Schule? Was haben wir gemacht, wenn wir beim Laufen Seitenstiche bekamen?
Nach vorne beugen und ausatmen. So weit, bis keine Luft mehr in den Lungen war. Eine oder zwei Sekunden so bleiben und das gleiche noch einmal. Danach waren die Seitenstiche weg.
Wir können uns auf der Bühne nicht nach vorn beugen, aber “bis zum Anschlag” ausatmen können wir allemal. Während wir spielen. Dann zwei Sekunden so ausgeatmet bleiben.

Sie werden es nicht glauben, was diese Atmung bewirken kann, wenn der Bogen zittert. Zwei oder drei Atemzüge in dieser Weise genügen vollkommen, und jegliche Zitter-Partie ist beendet.

Wenn Sie diese vier Tips beherzigen, sollten Sie einmal Probleme mit dem Bogen bekommen, können Sie sich in Zukunft getrost wieder anderen Dingen widmen, denn Ihr Bogen wird mit Sicherheit keine Schwierigkeiten mehr bereiten.

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{ 7 comments… read them below or add one }

S. Brehmer April 29, 2011 at 18:32

Klasse Bericht über Lampenfieber. Ich habe auch darunter gelitten, bis ich dieses Tool gefunden habe. Ich habe das Audio auf meinem Handy und höre es immer an, bevor ich einen Auftritt habe. Innerhalb von 10 Minuten werde ich viel ruhiger.

Das Tool gibt es gratis zum downloaden unter http://www.nie-wieder-lampenfieber.de

Reply

S. Brehmer April 29, 2011 at 18:33

Klasse Bericht über Lampenfieber. Ich habe auch darunter gelitten, bis ich dieses Tool gefunden habe. Ich habe das Audio auf meinem Handy und höre es immer an, bevor ich einen Auftritt habe. Innerhalb von 10 Minuten werde ich viel ruhiger.

Das Tool gibt es gratis zum downloaden unter http://www.nie-wieder-lampenfieber.de

LG Sandra

Reply

Aufklärer June 26, 2011 at 16:44

Das “Tool” ist wieder so eine verkappte Werbeanzeige für Dinge, die viel versprechen, aber doch nie helfen und sowieso keiner braucht. Hier wird wieder mit den Ängsten und Sorgen von Leuten gespielt. Ausserdem: Wenn das wirklich gratis sein soll, dann würde man den Download auch ohne Daten zu hinterlassen herunterladen können! Wer sich so reißerisch darstellt, führt sicher nichts gutes im Schilde, davon kann man sicher ausgehen….

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Violinplayer July 13, 2011 at 17:30

Hallo!

Zunächst einmal ein herzliches Dankeschön für diese “Tipps” gegen Bogenzittern. Ich bin Teenager und spiele seit ca. 7 Jahren. Das Problem “Bogenzittern” tauchte erst auf als ich in die Pubertät kam. Davor habe ich meist selbst vor deutlich größerem Publikum nie Aufregung gehabt und wenn dann in einem überschaubaren Maße. Jetzt jedoch habe ich schon mehrere Auftritte hinter mir, wo ich einfach nur froh bin, dass sie nicht noch vor mir liegen…

Wenn ich in aller Kürze noch einmal die Tipps zusammenfasse:
1. Muskeln entspannen (Daumen und Mittelfinger locker halten),
2. Schneller Streichen und eventuell kein Kaffee trinken,
3. Bogendruck manipulieren, nicht zu stark drücken, sondern Ellenbogen fallen lassen,
4. Atmung kontrollieren, tief ein- und ausatmen (2 sek Zustand beibehalten).

1. Das Problem ist bei 1. das man nie bewusst verkrampft, es geschieht einfach. Ich habe noch nie genau drauf geachtet, aber der Bogen zittert meist schon vor dem ersten Ton. Das kann sich meist noch zum Guten wenden, aber oft bleibt es bei dem Zustand. Das lockere Handgefühl, das eigentlich für ein flüssiges Streichen sehr wichtig ist, erscheint einem in diesem Moment als lose Haltung mit der Gefahr, den Bogen zu verlieren. Man spannt also immer wieder an. Vielleicht kann man dies aber kontrollieren, wenn es einem jetzt bewusst ist.

2. Kein Kaffee trinken, klar. Wobei der Kaffee gar keinen so großen Einfluss hat, bei mir zumindest. Ist man aufgeregt, ist man es. Ist man es nicht, ist man es auch nicht. Klar, Koffein kann anspannen, aber es ist kein allzu großer Faktor. Allein durch das nicht Kaffeetrinken wird die Aufregung nicht weg sein. Das Herz bumpert trotzdem, als wären 100 Liter Kaffee getrunken worden.
Das mit dem schneller Streichen ist ein sehr guter Tipp, das habe ich auch schon bei mir gemerkt. Schnelle Teile des Stücks laufen viel besser, meist zittert der Bogen eben NUR bei den langen Tönen (4 Schläge und mehr, oft im Orchester der Fall). Umso mehr bekommt man dann aber vor diesen Angst. Mein Tipp wäre hier einfach immer nur schnelle Stücke vorzuspielen. Hier kann zwar auch was schief laufen, aber die Aufregung ist weniger auffällig.

3. Nicht so stark drücken … hmm… tja, das ist so eine Sache. Wenn da Forte (laut) steht und man spielt leiser als die Beigleitung (bei einem Duo). Man muss schauen, dass man lockerer spielt, “luftiger”. Und ja, vielleicht auch weniger drücken, wobei das ist eigentlich klar, denn bei starkem Druck kommt ja eh nichts Klares raus.
Mit dem Ellenbogenfall habe ich auch schon ein paar Mal gearbeitet. Man sieht, ich kenn mich hier leider wirklich aus… Manchmal hilft es auch NUR in der oberen Hälfte zu spielen, aber das ist genauso idiotisch wie der Ellenbogenfall. Es mag helfen, aber für schnelle Seitenwechsel ist es abträglich. Und außerdem ist ein gefallener rechter Arm eine völlig falsche Haltung. Trotzdem; wenn es drauf ankäme, würde auch das zählen, denn es funktioniert.

4. Atmung kontrollieren – Der klassische Tipp, auch hier ganz stark hervorgehoben. Nun, es soll tatsächlich funktionieren. Im Moment des Auftritts scheine ich noch nicht einmal dazu fähig zu sein, aber das nächste mal werde ich darauf noch mehr achten. Unter Profis klappt das wohl 1a. Bei mir hat es bisher nur einen sehr geringen Effekt, zumal ich auch eh eher kein “Musikatmer” bin (also mit der Musik im Einklang aus- und einatmen). Der Effekt soll sehr groß sein? Ich probiere es auf jeden Fall.

Meine Tipps wären:

1. Im Orchester eher weiter hinten sitzten. Nicht verstecken, aber hinten fühlt man sich oft wohler und nicht so im Rampenlicht.
2. Nicht neben der Bühne auf den Auftritt warten. Einfach solange proben, bis man dran ist. Wenn man sieht, wie “gut” die anderen sind, wird man meist noch aufgeregter.
3. Überlegen WO und WAS man spielt (und damit vor WEM). Am besten Etwas, was allen gefallen könnte und an einem Ort, wo viele eben das Instrument gar nicht bzw. kaum kennen (Schule, nicht an der Musikschule bsp.). Eher “wilde”, schnelle Stücke wählen, die ein kurzes, bis gar kein Vorspiel haben.
4. Dann gut ausschlafen und auch sonst alles tun, was man vor einer Prüfung auch tun würde (üben etc.).

Ok das wars auch schon. Danke noch einmal viel Erfolg für alle Bogenzitterer! :-)

P.S. Toller Blog, ich werde ihn zukünftig mal öfter besuchen.
S. Brehmer ignorieren, ist sicher Betrug oder Ähnliches!

Reply

Uwe Hampel January 18, 2012 at 11:10

Lampenfieber

Menschliches Empfinden wird zu 90 Prozent durch unbewusste Prozesse gesteuert. Denn sonst könnte jeder einfach statt Lampenfieber “Freude auf den Auftritt” empfinden.

Deshalb ist wenig hilfreich, sich auf der bewussten Ebene mit dieser Einschränkung zu befassen.

Richtet man seine Aufmerksamkeit auf den unbewussten Prozess, der Lampenfieber entstehen lässt, findet man auch sehr schnell Ressourcen, um den Prozess zu verändern.

Die gute Nachricht: Die Veränderungsarbeit auf der unbewussten Ebene geht wahnsinnig schnell.

Viele Grüße
Uwe Hampel

Reply

Nuria March 30, 2012 at 9:55

ich bin beim Recherchieren zum Thema Lampenfieber über diesen Beitrag gestolpert und fand ihn sehr interssant -vielen Dank!
Spiele selbst nicht Geige und hatte von diesem Phänomen des Bogenzitterns noch nicht gehört. Ich kann mir aber vorstellen, dass diese Angst vor der Angst bzw. Verkrampfung, die das Zittern auslöst einen vor dem Auftritt völlig verrückt machen kann. Ich habe im Netz eine interessante Arbeit gefunden, die einem hilft, die “Angst vor dem Auftritt” zu verstehen und dadurch besser in den Griff zu bekommen: http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/110787.html#inside
Wenn ich persönlich vor einem Auftritt Angst habe, Textteile von Songs zu vergessen, oder über Mikrokabel zu stolpern, hilft es mir, wenn ich mir sage, dass davon die Welt auch nicht untergeht. Mir hilft es ganz viel, wenn ich es schaffe, mich und das, was ich auf der Bühne vorhabe, nicht ganz so ernst zu nehmen – das nimmt unheimlich viel Druck raus, was auch körperlich guttut und z.B. die Atmung entspannt. Und – ganz ehrlich – beim Auftritt selbst klappts ja dann doch :)

Viele liebe Grüße!

Reply

David August 24, 2016 at 11:08

Danke für den Artikel. Ich bin immer sehr nervös vor einem Auftritt und habe zu weilen echt stark mit meinem Lampenfieber zu kämpfen. Was mir am besten hilft, sind die richtigen Atemübungen und ein Song den ich immer höre, bevor ich auf die Bühne gehe. Den Bogen schneller zu streichen, wenn das Zittern einsetzt, werde ich bei meinem nächsten Konzert im Kopf behalten. Danke für den Tipp!

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