Stellen Sie sich vor, liebe Leserinnen und Leser, Sie stehen auf der Bühne, alles läuft mehr oder weniger planmäßig, und aus heiterem Himmel fängt Ihr Bogen an zu zittern. Einfach so, ohne Vorwarnung.
Gelegentlich haben wir mit diesem Phänomen zu kämpfen, und häufig wissen wir nicht, was wir dagegen unternehmen sollen.
Beim nächsten Konzert sind wir aufgeregt. Nicht, weil wir das Gefühl haben, wir könnten das Stück nicht bewältigen. Im Gegenteil, wir wissen, dass wir gut geübt haben und alles klappen wird. Nein, wir haben Angst vor dem Bogenzittern. Wir haben Angst, Angst zu bekommen.
Das kann sich zu einem Teufelskreis entwickeln, den es zu durchbrechen gilt.
Warum zittert der Bogen überhaupt?
In den meisten Fällen sind wir in irgendeiner Weise verkrampft, was auch verständlich ist, denn ein Konzert stellt eine höhere psychische Belastung dar als das tägliche Üben.
Nehmen Sie einen Kasten Mineralwasser in die Hand und halten ihn eine Weile vor sich vor dem Bauch. Was passiert?
Innerhalb kurzer Zeit fangen Ihre Arme an zu zittern. Die ständige Belastung macht es fast unmöglich, die Arme ruhig zu halten, denn sie verkrampfen.
Ähnliches geschieht während des Bogenzitterns, nur mit kleineren Muskelgruppen. In unserem Fall betrifft es meistens den Daumen und den Mittelfinger, mit denen wir den Bogen festhalten.
Wenn Sie noch einmal nachlesen wollen, habe ich hier, in Teil 2 und in diesem Artikel über die Bogenhaltung geschrieben.
Wir müssen darauf achten, den Bogengriff nicht zu verkrampfen. Halten Sie Daumen und Mittelfinger bewusst locker, und Sie werden die zitternden Muskeln deutlich entspannen können und bereits dadurch das Zittern reduzieren können.
Ist Ihnen aufgefallen, dass Sie leichter zittern, wenn Sie viel Kaffee getrunken haben? Besonders, wenn Sie wenig Bogen nehmen, ist die Gefahr groß. Wenn Sie dagegen schneller streichen, nimmt das Zittern unter Kaffee-Einfluss ab.
Das können Sie auch in Konzert-Situationen ausnutzen. Wenn der Bogen zittert, streichen Sie einfach ein wenig schneller. Das klingt trivial, hilft aber in den meisten Fällen sofort, und es kehrt wieder Ruhe ein.
Es ist allemal besser, zwischendurch ein Piano zu opfern, als den ganzen Abend zu einer Zitter-Partie werden zu lassen.
Eine weitere Möglichkeit ist es, den Bogendruck zu manipulieren. Wenn wir jedoch nur stärker drücken, spannen wir wieder unsere Muskeln an, verspannen sie möglicherweise. Fast den gleichen Effekt erzielen wir aber, wenn wir im Moment des Zitterns den Ellenbogen ein wenig tiefer sinken lassen. Auch in diesem Fall wird das Zittern sofort gemildert.
Die vierte Möglichkeit ist eine sehr effektive. Vielleicht haben Sie es schon einmal gemerkt, wenn Sie aufgeregt sind. Unsere Atmung verändert sich. Wir atmen flacher, schneller, weniger mit Bauch und Zwerchfell und mehr mit der Brust.
Diesen Effekt können wir auch für unsere Zwecke nutzen. Wir tun genau das Gegenteil dessen, was der Körper unbewusst ablaufen lässt. Wenn wir aufgeregt sind, der Bogen anfängt zu zittern, atmen wir ganz bewusst tief und aus dem Bauch. Denken Sie dabei an Ihren Bauchnabel. Dort hinein muss die Luft.
Ich bekam neulich eine Mail einer Geigerin, die mir schrieb, dass sie ab und zu sogar das Atmen vergisst, wenn sie vorspielt. Natürlich fängt der Bogen dabei sofort an zu zittern.
In diesem Fall lautet mein Rat – atmen Sie tief ein, aus dem Bauch, und atmen Sie vor allem wieder sehr tief aus. Das Ausatmen ist fast noch wichtiger.
Erinnern Sie sich noch an den Sportunterricht in der Schule? Was haben wir gemacht, wenn wir beim Laufen Seitenstiche bekamen?
Nach vorne beugen und ausatmen. So weit, bis keine Luft mehr in den Lungen war. Eine oder zwei Sekunden so bleiben und das gleiche noch einmal. Danach waren die Seitenstiche weg.
Wir können uns auf der Bühne nicht nach vorn beugen, aber “bis zum Anschlag” ausatmen können wir allemal. Während wir spielen. Dann zwei Sekunden so ausgeatmet bleiben.
Sie werden es nicht glauben, was diese Atmung bewirken kann, wenn der Bogen zittert. Zwei oder drei Atemzüge in dieser Weise genügen vollkommen, und jegliche Zitter-Partie ist beendet.
Wenn Sie diese vier Tips beherzigen, sollten Sie einmal Probleme mit dem Bogen bekommen, können Sie sich in Zukunft getrost wieder anderen Dingen widmen, denn Ihr Bogen wird mit Sicherheit keine Schwierigkeiten mehr bereiten.












