Das Üben im Meeting

by Stefan Maus

Urlaub ist Gift für die Technik. Besprechungen und Vorlesungen ebenso. Musiker, die einige freie Tage auf einer einsamen Insel verleben wollen oder gezwungenermaßen an Besprechungen oder Konferenzen teilnehmen, fragen sich so manches Mal, in welchem technischen Zustand sie wieder an ihr Instrument zurückkehren.
Als Lehrer muss ich mich nach den Sommerferien regelmäßig mit Schülern auseinandersetzen, die so eingerostet sind, dass sie Wochen brauchen, bis sie wieder auf ihrem alten Stand sind.
Und dann beginnen bereits die Herbstferien, und das Problem beginnt von neuem.

Wie können wir diesem Rost-Ansatz begegnen?
Das beste wäre, die Geige mitzunehmen und regelmäßig, wenigstens alle paar Tage zu üben. Vielfach haben wir jedoch nicht die Möglichkeit, vielleicht aus Platzgründen, aus Gewichtsgründen, oder aber, wenn wir eine Besprechung haben, aus Gründen der Rücksicht den anderen Gesprächsteilnehmern gegenüber.

In diesem Falle hilft es, sich wenigstens auf die rechte Hand zu konzentrieren, denn sie produziert in erster Linie den Ton und ist am leichtesten ohne Instrument zu trainieren.
Wir nehmen einen Bleistift, Kugelschreiber o.ä. zur Hand und halten ihn wie unseren Bogen

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Dann strecken wir die Finger, bis sie gerade sind, ohne aber die “Bogen”haltung zu verändern.

blei02

Danach ziehen wir die Finger wieder bis zur Mittelstellung zurück und ziehen danach den Bleistift (Bogen) ganz an die Hand heran. Die Finger sind rund.

blei04

Danach geht es wieder zurück in die Ausgangsposition, und der Bewegungsablauf beginnt von vorne.

Diese “Pump”-Bewegung gerade-rund-gerade-rund ist, wenn es anfangs Probleme gibt, zunächst ohne Bleistift zu üben. Dabei ist darauf zu achten, dass der Daumen immer gegenüber vom Mittelfinger steht, damit die Haltung der Original-Bogenhaltung entspricht. Danach kann dann wieder auf die Bleistift-Übung gewechselt werden.

Hauptsächlich wird durch diese Übung die Flexibilität der Finger trainiert. Unsere Finger sind die Stoßdämpfer unseres Bogen-Apparates, und wenn sie auch noch nach sechs Wochen Pause flexibel sind, ist der qualitative Sturz deutlich geringer.
Der große Vorteil dieser Übung liegt darin, dass sie unauffällig ist. Jede noch so langweilige Vorlesung, jede noch so unproduktive Konferenz kann so für den Musiker technisch gewinnbringend eingesetzt werden. Denn im schlimmsten Fall wird man von seinen Mitmenschen als nervös eingestuft. Wenn es überhaupt bemerkt wird.

Liebe Leserinnen und Leser, üben Sie häufiger im Meeting!

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{ 1 trackback }

Das Üben im Meeting Teil 2 — Geigen-Blog
August 12, 2008 at 17:20

{ 23 comments… read them below or add one }

Kameleon July 24, 2008 at 14:03

Zu Bild 1: :-o Hält man den Bogen wirklich so? Muss man nicht alle Fingerkuppen auf der Bogenstange platzieren?

Reply

Stefan Maus July 24, 2008 at 14:09

Das Bild ist schon korrekt so. Der kleine Finger ist der einzige, der auf der Bogenstange steht, denn er muss das Gegengewicht zum Zeigefinger bilden.
Der Vorteil der Haltung ist, dass Du keinerlei Verspannungen in der Hand bekommst und den Bogen trotzdem nicht verlierst.
Oder anders: Warum fallen die Vögel nachts nicht reihenweise aus den Bäumen?
Ganz einfach, sie umgreifen ihre Stange. So ähnlich läuft das mit dem Bogen.

Reply

cassia August 10, 2008 at 23:50

Da ist er ja, der Fotokurs zu dieser Fingerübung! Danke!!! Verstehe jetzt etwas besser :-) Hätte ich das 5 Tage eher gehabt, hätte ich in Lappland üben können–denn die aufblasbare lightweight-Trekking-Bratsche ist in Deutschland immer noch nicht zu bekommen :-(
Mehr von sowas :-) )) Ich liebe Bogenhaltungsübungen (weil ich immer noch das Gefühl habe, das was ich da mache, könnte besser sein…)!!

Reply

cassia August 10, 2008 at 23:53

ach so, “gerademachen” heißt: Finger über die Kugelschreiberbogenstange schieben/rutschenlassen oder heißt das, Kugelschreiberbogen mit wegschieben? Dafür reichen meine Finger nicht… Den Teil verstehe ich nicht ganz (oder ist mein Kuli zu schlecht?).

Reply

Stefan Maus August 11, 2008 at 0:00

Beides. :)
Alle Finger werden gestreckt. Die Kontaktstelle der Finger bleibt dieselbe. Dadurch schieben die Finger den Kuli von der Handwurzel weg.
Ein wenig Rutschen ist jedoch auch dabei, denn der Winkel der Finger gegenüber der Bogenstange verändert sich. Das ist beim Vergleich von Bild 2 und Bild 3 zu erkennen.
Primär jedoch haben die Finger den Bogen wegzuschieben und wieder heranzuziehen.

Reply

cassia August 11, 2008 at 21:25

Jaaa, weißt Du, warum ich das nicht hingekriegt habe? Weil man das tatsächlich einfach _üben_ muss :-) . So eine Überraschung. Hatte heute bei der Visite viel Zeit zum heimlichen Trainieren, und siehe da: langsam geht´s, in einer mehr oder weniger eleganten Kombination beider Bewegungsabläufe… aber der Daumen wird mit gestreckt, richtig?? Sonst geht´s nicht.

Reply

Stefan Maus August 11, 2008 at 21:36

Richtig. :)
Das hätte ich zu gerne gesehen, wie Du völlig in Dich versunken an der Visite teilnimmst, keinen Patienten wahrnehmend an Deinem Kugelschreiber fummelnd…

Reply

cassia August 12, 2008 at 16:47

_Ich_ bin ein Mädchen,daher multitaskingfähig und kann _beides_! (manchmal summe ich sogar im Kopfe den Soundtrack des Tages mit :-) )

Reply

Toby December 16, 2008 at 19:48

Unglaublich, ich dachte ich wäre der einzige Mensch auf der Welt, der in Meetings Geige übt. Mir hat meine russische Geigenlehrerin diese Trockenübung zur Mobilisierung der Finger empfohlen und um den Fingerstrich zu verbessern. Ich habe später entdeckt, dass man so jederzeit diskret die Finger trainieren kann. Ich bin jedenfalls in hunderten von langweiligen Meetings noch nie erwischt worden. Und es hilft. Ich empfehle allerdings gute, solide Füller für die Übung, da sie dem natürlichen Bogengewicht ähnlicher sind. Völlig ohne Stift könnte ich es sowieso nicht.
Toller Blog übrigens. Sehr interessant. Vielen Dank!

Reply

simone January 30, 2009 at 21:02

Meine Geigenlehrerin sagt, ich streiche schief. Wenn ich von oben auf die Geige sehe, sieht der Winkel für mich richtig aus, wenn meine Lehrerin dann korrigiert, sieht es für mich schief aus. Also in welchem Winkel stehen Bogen und Saiten zueinender und warum sieht ein rechter Winkel aus meiner Perspektive nicht so aus? Habe ich einen Knick in der Optik? Wäre toll, wenn Sie dazu ein Foto ins Netz stellen könnten, das die Perspektive des Geigers auf die Saiten zeigt.

Reply

Stefan Maus January 30, 2009 at 22:00

DAS wird schwierig. Ich werde es aber versuchen. Die Schwierigkeit dabei ist auch die Parallaxe. Das linke Auge sieht einen anderen Winkel als das rechte, was sich bei der kurzen Distanz zwischen Augen und Bogen deutlich bemerkbar macht.
Haben Sie es einmal mit einem Spiegel versucht?

Reply

simone January 31, 2009 at 19:21

Die Erklärung mit den unterschiedlichenPerspektiven der Augen klingt einleuchtend. Offenbar muss ich mich einfach auf die Angaben meiner Lehrerin verlassen. Ich werde mich jetzt auch um ein besseres Schulterpolster bemühen, Ihre Erklärungen dazu haben mich davon überzeugt, dass meine Verspannungen nicht allein durch mein Alter bedingt sein können (bin 44 und habe mir vor einem Jahr meinen Traum erfüllt und endlich Geigenunterricht genommen). Danke für die guten Anfängertipps mit Fotos auf dieser Seite!

Reply

Stefan Maus February 1, 2009 at 0:22

Die Schulterstütze spielt mit Sicherheit eine große Rolle bei der gesamten Geometrie der Geigenhaltung. Wenn Ihre englischen Sprachkenntnisse Sie nicht im Stich lassen – ich habe hier gerade einen Artikel über Schulterstützen verfasst, der sich mit dem Vergleich von Wolf und Kun auseinandersetzt:
http://www.sdmaus.com/violinblog/wolf-or-kun.html

Reply

Thusnelda March 3, 2009 at 17:58

Die Übung ist echt toll. Mein Geigenlehrer hat sie mir bei meinem Wiedereinstieg auch nahegelegt doch inzwischen hab ich gar nicht mehr daran gedacht. Dein wahnsinnsinformativer Blog hat sie mir wieder in Erinnerung gerufen – danke! Ich bin soh froh, dass ich vom Musikerforum hierher gestolpert bin.

Kennst du noch weitere “Trockenübungen”, die man so zwischendurch ohne Geige und möglichst unauffällig in den Tag einflechten kann?

Reply

Stefan Maus March 3, 2009 at 23:32

Das Problem bei den meisten Übungen ist: Man sieht sie.
Ich werde das aber in einem der nächsten Beiträge nochmal behandeln. Also “stay tuned”! :-)

Reply

Franziska December 28, 2009 at 0:21

Das ist ja wirklich eine sehr nützliche Übung! Ich spiele schon Klavier und da hat es am Anfang immer gut geholfen, einen Ball in den Schulstunden zu kneten (was übrigens zum Geigen auch nicht so schlecht ist), aber jetzt kann ich auch die Bogenhaltung üben ;)

Reply

Dominik February 17, 2010 at 0:56

Hallo, bin 16 jahre alt und lerne seit einigen monaten geige, und habe eine frage zum fingerstrich, (meine lehrerin ist für eine woche verreist und gab mir letzens einige übungen um lernen des fingerstrichs auf) nur bin ich mir nicht sicher ob ich es richtig mache; die bewegung kommt allein von den fingern bei mir, aber ist es normal dass sich der bogen dreht (um seine achse, so wie sich der bogen beim saitenwechsel aus dem handgelenk heraus auch dreht) wenn ich streiche?

würde müch über einen ratschlafg freuen =)

liebe grüße

Reply

Bettina March 31, 2010 at 23:09

Wow! Diese Übung hatte ich längst vergessen… aber nun erinnere ich mich wieder, dass ich sie vor ca.25 von meinem damaligen Geigenlehrer empfohlen bekam, und sie auch noch lange nach meiner Prüfung immer wieder bei langweiligen Besprechungen gemacht habe …
Cooler Blog ! Leider heute erst entdeckt.
Finde hier Antworten auf alte und neue Fragen. So habe ich z.B. seit gestern die beiden Schulterstützen von Wolf und Kun zum Ausprobieren da und kann mich wegen genau der beiden von Stefan Maus angesprochenen Punkte: Bewegungsfreiheit der Schulter (weil kaum zu spüren = Kun) und der 35jährigen gewohnten Sicherheit (dafür aber weniger Bewegungsfreiheit = Wolf) nicht entscheiden… ;)

Vielen Dank an Stefan Maus und sein Engagementmit dieser Seite!

Reply

knutschkugel August 17, 2011 at 15:39

ich spiel seit 5 jahren geige un bin 11 jahre alt mein proplem is wie kann ich misch besser beim üben konzentriren?

Reply

Henriette March 22, 2012 at 12:48

Hallo Stefan Maus,
ich habe eine Frage, seit Januar lerne ich Geige, was mir auch sehr viel Spaß macht, allerdings habe ich Probleme mit der korrekten Bogenhaltung, meine Hand ist immer nach links (Richtung Bogenspitze) geneigt, nicht nach rechts, wie es ja korrekt wäre.
Selbst mit größter Anstrengung kann ich das nicht ändern, was kann ich machen?
Danke, Henriette

Reply

Lulu November 17, 2013 at 17:31

Ich spiele auch Geige. Meine Geigenlehrerin sagt, dass ich sehr vespannte Finger habe, was kann ich dagegen tun?

Reply

Becca November 13, 2014 at 11:08

Die Übung ist toll beschrieben. Ich habe noch eine Frage dazu, wie sich das Handgelenk dabei verhalten soll. Muss es in der gleichen Stellung bleiben oder sollte es sich flexibel mit bewegen? Eine Antwort wäre toll, vielen Dank.

Reply

Stefan Maus November 13, 2014 at 17:08

Gute Frage.
Flexibel sollte das Handgelenk eigentlich immer sein. Es sollte sich aber bei dieser Übung trotzdem nicht wesentlich bewegen.
BewegLICH ja, beweGEN nein.

Reply

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