Das Vibrato Teil 5

by Stefan Maus

Nach unseren umfangreichen technischen Grundlagen stellt sich uns die Frage, wie wir am besten das Vibrato üben, ganz besonders am Anfang.
Nun haben wir hier bereits festgestellt, dass ein Vibrato nichts anderes ist als eine gleichmäßige Tonhöhenschwankung, ähnlich einer Sinuskurve. Beim Armvibrato wird das umgesetzt durch eine Art Lagenwechsel hinauf und wieder herunter, beim Handvibrato durch eine ähnliche Bewegung durch die Hand im Handgelenk.
Wir müssen also zunächst diese Bewegung üben, damit sich Hand und Arm daran gewöhnen, “Lagenwechsel” in schneller Abfolge durchzuführen, ohne mit dem Finger zu rutschen.

Es gibt viele Möglichkeiten, diese Bewegung zu üben. Ich persönlich habe mit der folgenden Übung große Erfolge erzielt. Dazu sollten wir am besten unsere Familie evakuieren. Schicken Sie sie zum Einkaufen, in die Schule, zur Arbeit, und setzen Sie zum Schutz der Nachbarn einen Hoteldämpfer auf Ihr Instrument, denn es wird sehr “grauslich” klingen. Dann kann es losgehen:

vibrato01.jpg

Mein Notendruckprogramm ist leider sehr limitiert. Ich kann damit keine Vierteltöne o.ä. darstellen. Ich hoffe aber, die Idee dieser Übung wird trotzdem klar.
Wir gehen am besten für den Anfang in die dritte Lage. Aufgrund der stärkeren Beugung des Armes wird die zu übende Bewegung erleichtert. In der ersten Lage ist es schwieriger zu vibrieren als in der dritten.
Die Frequenzschwankung (Tonhöhe) entspricht nicht einem Halbton. Sie ist kleiner, was die Aktion vereinfacht. Sie sollten bei dieser Übung auch ein Metronom einsetzen, da es sehr auf Gleichmäßigkeit und Kontrolle ankommt. Als Richtwert können wir mit Viertel = 60 anfangen.
Die einzelnen Takte können auch wiederholt werden, je nach Ermüdungsgrad. Allerdings ist zu Anfang die Gefahr recht groß, sich “fest” zu vibrieren. Wir müssen unbedingt darauf achten, den Arm, die Hand und die Finger locker zu lassen.
Denke Sie bitte daran: Der Finger bleibt stehen!
Er rollt lediglich über die Kuppe. Wir vollführen keinen Lagenwechsel. Nur die Bewegung ist ähnlich.

Wenn Sie sich an die Bewegung gewöhnt haben, setzen Sie noch eine Version obendrauf:

vibrato02.jpg

Das entspricht dann im Hinblick auf die Geschwindigkeit schon ziemlich dem Originalvibrato.
Wenn Sie nicht müde geworden sind, beginnen Sie mit dem zweiten Finger:

vibrato03.jpg

Das Prinzip ist dasselbe wie oben. Es sind keine Halbtöne, die Schwingungen sind kleiner, nur die Bewegung ist dabei wichtig. Danach kommen dann dritter und vierter Finger.

Lassen Sie sich für die Entwicklung Ihres Vibratos Zeit! Ein Vibrato ist nicht innerhalb weniger Tage zu erlernen. Die Muskulatur muss sich entwickeln, sie muss in der Lage sein, kleine und schnelle Bewegungen dauerhaft, gleichmäßig und ermüdungsfrei zu vollführen. Das braucht seine Zeit.
Üben Sie nicht zu viel und zu lange daran, aber dafür täglich. Es werden Tage dabei sein, an denen es läuft “wie geschmiert”. Am nächsten Tag werden Sie möglicherweise einen Einbruch erleiden, mit entsprechendem Frust-Faktor. Das ist völlig normal. Sie wären ein geigerisches Genie, wenn es anders liefe. Geben Sie nicht auf! Der folgende Tag wird wieder besser laufen. Ihr Gehirn benötigt diese Zeit, um zu lernen, die richtigen Befehle an die Finger zu senden.

In der nächsten Folge schauen wir uns weitere Übungen an, mit denen Sie Ihr Vibrato trainieren können. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei den Übungen. Wenn Sie konsequent dabei bleiben, werden Sie es schaffen!

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{ 6 comments… read them below or add one }

Alexey Vidanov September 18, 2008 at 8:37

Hallo Stefan,

Vielen Dank, dass du meine Seite besucht hast!
Ich bin sehr froh, dass du auch wegen Deutsch richtig gute Ratschläge gegeben hast.

Deine Seite sieht sehr schön und ausgereift mit Thesis aus.
Alles Gute!

Alexey

Reply

Daniel April 1, 2009 at 19:59

Hallöchen,

man vollbringt hier ja eine Tonhohenschwankung, mal tiefer, mal höher. Soviel ich es weiß, jedenfalls habe ich das so gehört, sollte man aber nicht höher als der eigentliche Ton spielen, also nicht über die Kuppel des Fingers, sondern “nach unten” vibrieren.

Was halten Sie davon?

LG,

Daniel

Reply

Stefan Maus April 2, 2009 at 10:21

Das ist die Methode von Galamian.
Dadurch würde der “Kernton” tiefer erscheinen, da die durchschnittliche Frequenz tiefer ist. Mal stimmt die Frequenz, mal ist sie tiefer, also ist der durchschnittliche Ton zu tief. Wir müssten also nur des Vibratos wegen höher intonieren als wenn wir kein Vibrato machen wollten.
Was wäre, wenn wir das Vibrato verändern wollen? Wenn wir den Ton quasi aus dem Nichts entstehen lassen wollen, ohne Vibrato, und dann immer stärker vibrieren wollen?
Der Ton würde immer tiefer, immer falscher klingen, je mehr wir vibrieren, wenn wir nicht gleichzeitig den Finger immer höher schieben wollen.
Dieser Aufwand ist meiner Meinung nach zu groß. Deshalb steht Galamian mit seiner Methode, die auch sehr gut klingt, ziemlich allein da. Wenn wir nicht ständig den Ton verschieben, wäre er jedes Mal beim Vibrato falsch. So sehr ich Galamian auch mag, dieser Variante habe ich mich nicht angeschlossen.

Reply

H.G. February 16, 2011 at 21:40

Das letzte Notenbeispiel mit den 32igsteln (Metronom für 1 Viertel = 60) entspricht, nach meinem Verständnis, einer Vibratofrequenz von 4. Ein Vibrato von 8 Hz wäre demnach doppelt so rasch (64igstel Noten)?

Reply

H.G. February 16, 2011 at 22:11

Guten Tag Herr Maus

Übrigens vielen Dank für Ihre klare und systematische Vibratoschulung.

H.G.

Reply

Kathie May 25, 2011 at 17:46

HAllo Herr Maus,
ihre Serie ist wiklich gut und hilfreich! Vielen Dank!
lg
Kathie

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