Das Vibrato Teil 8

by Stefan Maus

Nach dem langen Wochenende wenden wir uns wieder dem Vibrato zu. Ich hatte bereits hier geschrieben, dass ein Vibrato niemals ein Zufallsprodukt sein darf. Wir müssen es nach Möglichkeit gezielt einsetzen, um die musikalische Gestaltung zu unterstreichen.

Was verstehen wir jetzt unter musikalischer Gestaltung?
Musikalische Gestaltung im Zusammenhang mit dem Vibrato bedeutet, dass wir versuchen, musikalische Schwerpunkte, also “wichtige Noten”, durch Vibrato-Unterstützung herauszuarbeiten. Wir versuchen, crescendo und diminuendo durch Manipulation unseres Vibratos zu unterstreichen.
Das bedeutet im Klartext:
Je lauter ein Ton werden soll, desto intensiver vibrieren wir. Wenn wir einen Schwerpunkt auf einer Note setzen wollen, nehmen wir nicht nur mehr Bogen, wir vibrieren auch intensiver.

Die optimale Vibrato-Frequenz liegt bei 8-12 Hz, also Schwingungen pro Sekunde. In Teil 2 hatte ich bereits über die physikalischen Grundbegriffe geschrieben, falls Sie noch einmal nachlesen möchten.
Klanglich entsteht das schönste und angenehmste Vibrato, wenn wir uns in o.a. Frequenzbereich bewegen. Darunter klingt es leicht “geleiert”, darüber entsteht häufig der Eindruck des Zitterns.
Wir müssen also beim Einsatz unseres Vibratos darauf achten, dass wir in etwa in diesem Bereich bleiben.

Wenn wir ein intensiveres Vibrato einsetzen wollen, müssen wir nicht nur die Frequenz, sondern auch die Amplitude verändern. Häufig wird nur eines der beiden verändert, was etwas halbherzig und inkonsequent klingt.

Um diese sehr theoretischen Ausführungen besser zu verdeutlichen, habe ich den zweiten Satz des Violinkonzerts von Mendelssohn gewählt:

mendelssohn_vib.jpg

Da es kein musikalisches Zeichen für die Vibrato-Intensität gibt, habe ich für unser Beispiel die Zeichen für crescendo und decrescendo gewählt.
Wir beginnen mit einem Vibrato auf der ersten Note. Sie ist relativ lang und daher leicht zu vibrieren. Die folgenden Töne steigen auf zum “a”, was häufig mit einem Crescendo gespielt wird. Wir unterstützen dieses Crescendo durch eine Zunahme der Vibrato-Intensität, hier dargestellt durch das Crescendo-Zeichen.
Das darauffolgende lange “g” können wir etwas zurücknehmen, um den eigentlichen Schwerpunkt unserer 4taktigen Phrase anzupeilen, das lange “e” in Takt 4.
Dieses “e” ist der wichtigste Ton unseres ersten Viertakters, es ist unser eigentlicher Schwerpunkt, den wir durch das intensivste Vibrato herausarbeiten. In diesem Beispiel ist das Vibrato quasi deckungsgleich mit der Dynamik-Gestaltung.

Anfangs ist es sehr schwierig, das Vibrato wie gezeigt einzusetzen. Es empfiehlt sich, “von hinten nach vorn” zu üben. Starten Sie am besten vom Schwerpunkt und spielen auch das folgende “d”. Einschließlich des Vibratos und einschließlich der gewünschten Dynamik.
Danach beginnen Sie in Takt 3 auf Zählzeit 4 und spielen bis zum Ende der Phrase. Wieder mit Dynamik und Vibrato.
Dann starten Sie in Takt 2 bis zum Ende der Phrase etc. Auf diese Weise “hangeln” Sie sich immer weiter nach vorne vor und erhalten sich Ihre musikalische Gestaltung.

Im nächsten Teil schauen wir uns an, wie wir das Vibrato einsetzen können, wenn es der Dynamik entgegengesetzt gespielt werden soll.

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{ 2 comments… read them below or add one }

Tabea September 30, 2008 at 9:48

Nur der Vollständigkeit halber, bei dem angegebenen Notenbeispiel soll das Vibrato durchgehend gespielt, aber entsprechend deinen Angaben variert werden. Habe ich das so richtig verstanden?

Ich lese diese Reihe übrigens sehr gern und bin schon ganz gespannt auf den nächsten Teil!!

lg Tabea

Reply

Stefan Maus September 30, 2008 at 11:07

Das hast Du richtig verstanden. Bis auf die Sechzehntel sollte alles vibriert werden. Du variierst nur die Vibrato-Intensität.

Freut mich, wenn die Serie so gut ankommt! :)

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