Das Vibrato

by Stefan Maus

Viele Menschen sind der Meinung, das Vibrato gehöre zur hohen Schule des Geigenspiels. Das ist jedoch nur bedingt richtig. Zwar gehört ein gut ausgeführtes Vibrato zum Rüstzeug eines jeden ernsthaften Geigers, jedoch sollten wir schon relativ früh anfangen, uns mit dieser Manipulation des Tones auseinanderzusetzen.
Voraussetzung für den Beginn der ersten Übungen sollte auf jeden Fall eine sichere Intonation sein, denn Vibrato bedeutet für uns nichts anderes als eine gezielte Frequenzänderung des gespielten Tones, und das bedingt eine gewisse Übung und Sicherheit, was die Sauberkeit betrifft.

In meiner Serie über das Vibrato werden wir uns im Laufe der einzelnen Folgen mit den Schwierigkeiten, den Techniken und den Übungen auseinandersetzen.

Im Laufe der Jahrhunderte hat die Spielweise auf unserem Instrument einige Entwicklungen und Veränderungen erfahren. An dieser Stelle möchte ich jedoch auf eine genauere geschichtliche Betrachtung verzichten. Es würde den Rahmen entschieden sprengen und uns, die wir primär Interesse an den technischen Aspekten haben, nicht wirklich weiterbringen.
Nur so viel sei hier gesagt – Vibrato ist ein Stilmittel. Und ebenso, wie Musikstile einer beständigen Entwicklung unterworfen sind, ist es auch das Vibrato.
Wenn wir uns ältere Aufnahmen großer Solisten anhören, können wir zum Teil gravierende Unterschiede zu heutigen Geigern feststellen. Nicht nur die Stellen, an denen vibriert wurde und wird sind unterschiedlich. Auch die Art der Ausführung hat sich zum Teil stark verändert. Die Vibrato-Frequenz ist heutzutage eine völlig andere als damals, und die Amplitude hat sich geändert.
Wenn wir Aufnahmen zur Hand nehmen, um Anregungen für unser eigenes Spiel zu bekommen, müssen wir uns dessen bewusst sein. Abgesehen davon, dass wir vermutlich niemals die Qualität Jascha Heifetz’ erreichen werden, hatte er ein vollkommen anderes Vibrato als z.B. Shlomo Mintz, was weniger darauf zurückzuführen ist, dass er einen anderen Charakter hatte, als vielmehr darauf, dass er Jahrzehnte vorher seinen geigerischen Zenit erreichte.
Ähnliches können wir beobachten, wenn wir historische Opernaufnahmen anhören. Bereits bei “neueren” historischen Aufnahmen einer Maria Callas hören wir große stimmliche Unterschiede im Vergleich zu heutigen Sängerinnen. Damals galt Maria Callas als das Maß aller Dinge, heutzutage würde keine Sopranistin mit dieser Art von “Vibrato” singen. Es ist nicht mehr zeitgemäß.

Was ist überhaupt ein Vibrato?

Vibrato ist der Versuch, die menschliche Stimme mit ihren Tonhöhen-Schwingungen nachzuahmen. Ich werde mich hier auf das gängigste Vibrato beschränken, auf das Vibrato der linken Hand bzw. des linken Arms.
Wir haben es also mit einer Frequenzänderung des Tones zu tun. Wir verändern die Tonhöhe, während wir spielen. Oder salopp ausgedrückt: Der Ton “eiert” um den eigentlichen Kernton herum, mal höher, mal tiefer, ähnlich einer Sinuskurve:

sinus.jpg

In unserer Grafik stellt die senkrechte y-Achse die Frequenz dar, auf der x-Achse sehen wir die Zeit. Die x-Achse selbst ist der Kernton, derjenige, der gespielt werden soll. Wir schwingen um den Ton herum.
Nach allgemeiner Lehrmeinung hat dieses Schwingen sowohl nach oben als auch nach unten zu geschehen, um den Eindruck des Kerntones zu erhalten und den Finger trotzdem an der gewohnten Stelle aufzusetzen.
Eine Ausnahme bildet in diesem Zusammenhang Ivan Galamian, der die Meinung vertrat, es sei besser, den Ton etwas höher anzusetzen und dann nach unten zu vibrieren. Eine Auffassung, die ich nicht teile, da sie die Intonation unnötig verkompliziert und keine wesentliche Klangverbesserung zur Folge hat.

In der nächsten Folge werden wir uns u.a. mit den Begriffen Frequenz und Amplitude auseinandersetzen, die beim Vibrato auf physikalischer und bewegungstechnischer Seite vollkommen unterschiedliche Bedeutungen haben.

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{ 2 comments… read them below or add one }

Angelika October 14, 2017 at 12:13

Hallo, Stefan Maus,

ich wollte mir die Serie über das Vibrato ansehen, ich finde Vibrato 1-3,
Vibrato 4-6 finde ich nicht, es geht weiter mit Vibrato 7.
Könnte man Ihre Blogs etwas besser verlinken?

Viele Grüße
Angelika

Reply

Angelika October 14, 2017 at 12:15

Aha, jetzt sind also beide Kommentare von mir da. Nach dem Abschicken des ersten habe ich eine Fehlermeldung bekommen, deshalb habe ich den zweiten geschrieben.

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