Die Klimaanlage surrte leise, im Fernsehen lief gerade wieder Sumo-Ringen, und vor der Zimmertür liefen gelegentlich Hotelgäste vorbei, sich leise unterhaltend, denn es war schon spät.
Ich lag auf dem Bett und konnte nicht schlafen. Im Nebenzimmer hörte ich gedämpft einen unserer Cellisten schnarchen. Der Glückliche.
Ich überlegte, wie ich die Zeit am besten nutzen könnte, denn durch den Zehn-Stunden-Flug war meine innere Uhr total durcheinander gekommen. Am liebsten hätte ich geübt, denn ich war kurzfristig für einen erkrankten Kollegen eingesprungen und beherrschte das Programm noch nicht wirklich. Aber nachts? Im Hotel? Die anderen Gäste hätten sich bedankt. Irgendwann im Laufe der Nacht schlief ich ein. Geigerisch unvorbereitet.
Am nächsten Morgen saß ich beim Frühstücksbuffet und schlürfte meine Miso-Suppe, als unser Konzertmeister erschien. Er sah furchtbar aus, die Tränensäcke sprachen Bände.
“Wilfried, was hast Du denn gemacht?”
“Frag mich nicht”, nuschelte er mit rotgeränderten Augen. “Ich habe die halbe Nacht geübt.”
Ich starrte ihn an. Sein Hotelzimmer war auf derselben Etage wie meines. Zwei Türen weiter.
“Wie jetzt? Ich habe nicht das kleinste bisschen gehört.”
“Zeige ich Dir nachher” meinte er nur und füllte sich Rührei auf.
Später führte er mir seinen neu erworbenen Hotel-Dämpfer, auch Tonwolf genannt, vor. Die Geige klingt schrecklich damit, ist aber erstaunlich leise. Für Reisen und nächtliche Übe-Sessions ideal.
Der Ton einer Geige entsteht durch die Schwingungen der Saiten, die sich durch den Steg auf den Korpus des Instruments übertragen. Der Korpus der Geige ist damit ihr Resonanzkörper. Wenn wir also den Steg daran hindern, im gleichen Maße wie die Saiten zu schwingen, müsste der Ton deutlich unterdrückt werden.
Genau dort setzen die Hotel-Dämpfer an. Sie sind aus Metall und geradezu riesig. Durch die große Masse dieses Geräts kann der Steg kaum noch schwingen und gibt die Töne nur noch wenig an den Resonanzraum der Geige weiter.
Der Nachteil bei diesen Dämpfern ist der Klang. Da das Holz der Geige kaum noch schwingt, klingt der Ton sehr unerfreulich. Geradezu schauderhaft.
Hier sehen wir so ein Gerät:

Generell lässt sich sagen: Je schwerer, desto besser, denn der Klang ist ohnehin nicht zu retten, also können wir uns auch auf den primären Zweck dieser Dämpfer konzentrieren. Und der besteht darin, den Ton so weit wie möglich zu unterdrücken.
Für das Orchesterspiel sind diese Hoteldämpfer vollkommen ungeeignet, da sie den Klang des Instruments stark verfälschen. Das müssen wir auch während des Übens beachten. Ein Tonwolf sollte nicht eingesetzt werden, wenn wir an klanglichen Feinheiten arbeiten wollen. Jedoch ist er sehr geeignet, wenn wir nachts oder in der Mittagspause unbedingt unsere Tonleitern, Arpeggien u.ä. üben müssen. Aber auch hier gilt es zu beachten - selbst die Tonleitern sollten später ohne Dämpfer überprüft und ggf. nachgebessert werden.
Aufgesetzt sieht ein Tonwolf so aus:

Beim Auf- und Absetzen bitte vorsichtig sein, dass der Steg nicht beschädigt wird. Wir haben es hier mit hartem Metall zu tun, das ohne weiteres tiefe Riefen im Holz hinterlassen kann, wenn wir nicht aufpassen.
Des weiteren lässt sich ein Tonwolf nicht einfach gerade auf den Steg setzen, da die Kerben nicht nachgeben können. Wir müssen also beim Aufsetzen zunächst an der einen Seite des Stegs drücken, dann auf der anderen, dann wieder auf der ersten usw., bis der Dämpfer fest sitzt. Wenn ein Hotel-Dämpfer nicht wirklich fest sitzt, gibt es starke Rasselgeräusche, und der Ton ist kaum noch zu hören.
Beim Abnehmen verfahren wir genauso. Zunächst die eine Seite lockern, dann die andere, dann wieder die erste usw. Bitte nicht einfach mit Schwung abziehen, eine Beschädigung des Instruments wäre fast unvermeidlich.
Der Preis dieser Dämpfer ist in den letzten Jahren stark gefallen. Heutzutage kosten sie selten mehr als € 20,-. Lassen Sie sich beim Kauf bitte nicht durch irgendwelche Zusätze wie “de Luxe”, “Turbo” oder dergleichen blenden. Der schwere Dämpfer ist nicht der hübsche, stromlinienförmig abgerundete mit dem schicken Namenszusatz. Es ist vielmehr der hässliche mit den Ecken an der Oberseite, wie auf den Fotos zu erkennen.
Und noch etwas - sollten Sie jemals das Hotelzimmer neben mir belegen, setzen Sie bitte nachts den Tonwolf auf Ihr Instrument. Ich will schlafen! ![]()
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cassia 11.06.08 at 17:54
Sitzt der auf dem Foto jetzt schon da, wo er sitzen soll oder geht noch mehr?
Stefan Maus 11.06.08 at 20:07
Bei meinem Steg sitzt er da, wo er sitzen soll. Es kommt immer drauf an, wie dick der Steg ist. Wenn ich ihn weiter draufschieben wollte, müsste ich einen Hammer nehmen.
Die Position auf dem Foto ist relativ normal. Er darf nur so weit gedrückt werden, wie er nicht rasselt. Alles drüber hinaus würde möglicherweise den Steg beschädigen.
cassia 11.07.08 at 1:15
Und es erhöht auch nicht den Dämpfungseffekt, wenn man ihn weiter ´runterschöbe? Ich bin leider etwas enttäuscht: mit dem Ding kann man vielleicht im Hotel nachts üben, aber nicht in unserer Wohnung
Und er sieht genauso aus wie Deiner…
Schön übrigens, mal wieder von Dir zu hören!!
Stefan Maus 11.07.08 at 1:19
Wenn Du ihn weit genug herunterschiebst, wird der Dämpfungseffekt sogar sehr groß. Du musst schon mit einem gewissen Nachdruck zu Werke gehen. Aber immer vorsichtig sein, dass Du keinen Schaden an Deinem Instrument anrichtest.
Wenn es Dir noch recht laut vorkommt, hast Du ihn eindeutig nicht kräftig genug aufgesetzt.
cassia 11.07.08 at 1:24
Das ist gut zu hören (sic!). Aber bei dieser Bratsche, die ja nicht meine ist, traue ich mich nicht doller… Es geht also noch mehr (obwohl es schon so ähnlich aussieht wie bei Dir und auch nicht rasselt).