Der Kammerton

by Stefan Maus

In schöner Regelmäßigkeit tauchen sie wieder auf: die Diskussionen um das Einstimmen nach dem sogenannten Kammerton.
Vor einigen Jahrhunderten gab es stark unterschiedliche Auffassungen über den Ton a’, nach dem eingestimmt wurde. Bachs Stimmton betrug 415,5 Hz nach der Dresdener Sophienorgel, bei Händels Stimmgabel wurden 422,5 Hz gemessen, Mozart benutzte 421,6 Hz, die Pariser Stimmhöhe im Jahre 1810 betrug 423 Hz.

Das kontinuierliche Ansteigen des Tones a’ setzte nach 1820 ein. 1858 hatte man Frequenzen von 452 Hz in Berlin und 453 Hz in London erreicht. Die Firma Steinway stimmte um 1880 in New York ihre Klaviere auf 457 Hz ein.

Diese geradezu inflationäre Erhöhung der Stimmung ist vermutlich auf das Streben nach mehr Brillianz zurückzuführen, gerade in der Orchestermusik. Die Nachteile liegen auf der Hand. Sänger, die Passagen oder ganze Arien an der Grenze des Machbaren zu singen hatten, waren nicht mehr in der Lage, eine derartige Höhe zu erreichen, die Bläser in den Orchestern hatten Schwierigkeiten, ihre Instrumente anzupassen, da sie bauartbedingt nur eine gewisse Höhe beim Einstimmen erreichen können und entweder ihre Instrumente umbauen lassen mussten oder ganze Stücke zu transponieren hatten.

Auf der Wiener Stimmtonkonferenz von 1885 legte man einen einheitlichen Stimmton a’ auf 435 Hz fest. Bei der ISA-Konferenz 1939 in London einigte man sich schließlich auf den heute noch gültigen Kammerton a’ von 440 Hz.
Seitdem hat sich wenig getan, 1971 wurde diese Regelung durch den Rat der Europäischen Union bestätigt.

Entsprechend sind fast alle Stimmgabeln, die in den gängigen Musikgeschäften erhältlich sind, auf 440 Hz geeicht. Bzw. sie sollten es eigentlich sein, aber es gibt leider z.T. große Unterschiede, so dass auch auf die Stimmgabeln nicht unbedingt Verlass ist.
Erschwerend kommt hinzu, dass in letzter Zeit das a’ in den Orchestern recht einheitlich ein wenig gestiegen ist. Seit einigen Jahren beträgt das a’ relativ stabil 443 Hz. Wenn wir als Instrumentalisten in einem Ensemble spielen wollen, kommen wir nicht umhin, uns dieser Stimmung anzupassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir in einem Jugendorchester, oder in einem Rundfunkorchester spielen. Mittlerweile stimmen bereits viele Schulorchester auf 443 Hz ein, da die Instrumente von Haus aus schon für diese Stimmung optimiert werden.

Nun macht es wenig Sinn, zu Hause auf genormten 440 Hz zu üben und dann im Orchester auf 443 Hz hochzustimmen. Die “De-facto-Norm” beträgt seit über dreißig Jahren 443 Hz, der Einfachheit halber sollten wir ihr uns auch zu Hause anpassen.

Wie erhalten wir jetzt ein 443er a’?

Am besten mit Hilfe eines Stimmgeräts. Ich habe hier bereits einen Artikel über Stimmgeräte verfasst. Ich selbst benutze ein Stimmgerät der Firma Korg:

Korg.jpg

Es gibt eine Vielzahl guter Hersteller auf dem Markt. Dieses hier hat den Vorteil, dass es sehr klein und leicht ist. Ich kann es jederzeit im Geigenkasten mit mir herumtragen, ohne eine spürbare Belastung zu haben. Es ist also nicht nur als stationäres Gerät gedacht sondern vor allem für die Mitnahme in den Orchestergraben.

Eine andere Möglichkeit wäre der Einsatz einer Stimmgabel mit 443 Hz. Mit der Einschränkung, dass Stimmgabeln manchmal erschreckend ungenau sind.

Die dritte Möglichkeit: Über das Internet bekommen Sie, Google sei Dank, Sinustöne geliefert. Die klingen zwar nicht schön, sind aber sehr genau.
Ich stelle Ihnen hier zwei Sinustöne zum Download zur Verfügung. Zunächst das “klassische” 440 Hz – a’:

440.ogg

Und dann das a’, das ich Ihnen empfehle, das 443er Orchester – a’:

443.ogg

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{ 5 comments… read them below or add one }

Cassia February 15, 2009 at 19:05

Im “Wohltemperierten Gehirn” schreibt der Autor, dieses Steigen des Stimmtons sei auf ständige Konkurrenz zurückzuführen. Die Geigen wollten alle mal ein bisschen brillianrter klingen, also drehten sie ein Tickchen höher, daraufhin waren die Holzbläser fuchsig und spornten ihre Instrumentenbauer zum Umbau an undsoweiterundsofort. Fand ich ganz lustig diese Vorstellung (aber der Autor war wohl auch nicht dabei) :-)
Als David Garrett damals für SternTV bei den Berlinern inkognito vorgespielt hat, wurde ihm ja auch erklärt, er wäre immer ein Stück zu hoch gewesen–und später wurde erklärt, dass sei für einen Solo-Geiger üblich. Ist das wirklich so? Um brillianter zu klingen und besser ´rüberzukommen??

Viele Grüße sagt
Cassia (auch im Besitz eines Stimmgerätes :-) ))

Reply

Stefan Maus February 16, 2009 at 0:29

Eigentlich nicht. Wenn man sich Aufnahmen internationaler Solisten anhört, stellt man im Gegenteil eine ausgezeichnete Intonation fest.
Nur gelegentlich wird ein Trick angewendet, nämlich bei Oktaven. Es gibt Solisten, die Oktaven vorsätzlich ein wenig zu weit greifen. Nur gerade so viel, dass man besser hören kann, dass es sich um Oktaven handelt.
Ansonsten wäre eine permanent zu hohe Intonation eher störend.
Wenn sich die Solovioline jedoch eine Oktave über den ersten Geigen befindet, wird natürlich auch ab und zu etwas zu hoch intoniert, wiederum um die Oktave besser hörbar zu machen.

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Fritz Dobretzberger October 13, 2011 at 14:32

Eine interessante Arbeit zum Thema Kammerton hat Richard Erlewein veröffentlicht:
“Musik in kosmischer Resonanz – Die Bedeutung der alten Kammertöne”
siehe http://www.planetware.de/tune_in/Buch/musikresonanz.html

Der Autor beweist mit Hilfe der Mathematik, das die alten Kammertöne intuitiv so gewählt wurden, das sie die Musik in Resonanz mit dem Kosmos brachten, genauer gesagt in Resonanz mit einem der drei elementaren kosmischen Zyklen, die durch die Rotation der Erde, durch den Lauf des Mondes um die Erde und durch den Lauf der Erde um die Sonne vorgegeben sind.

Da das Farbspektrum frequenzmäßig eine Oktave umfasst, entspricht jedem Ton oktavanalog eine bestimmte Farbe; siehe
http://www.planetware.de/colormusic/Theorie.html
Eine A-Dur Komposition hat demnach in Mozart´s Originalstimmung die Grundfarbe “Orange”. Wird die gleiche Komposition im heutigen Kammerton von a1 = 440 Hz gespielt, entspricht das hingegen der Farbe “Gelborange” (etwa Indischgelb), d. h.heutige Mozart-Aufnahmen haben nicht mehr die richtige Farbe.

Schon lange bin ich auf der Suche nach Musikaufnahmen von Kompositionen W. A. Mozarts in dessen Originalstimmung von rund 421 – 422 Hz. Bedauerlicherweise ist allgemein in Musikläden auf den Verpackungen der CDs mit “alter Musik” keine Angaben über deren Kammerton-Stimmung zu finden. Über entsprechende Hinweise würde ich mich freuen.

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Alex Wagner October 27, 2014 at 16:02

Das ist nicht klar, warum A 440 Hz?! Es muss erste Gitarrensaite auf dem fünfte Bund gegreift wird! Wäre besser Stimmgabel E für freie erste Saite. Vielen Dank fürs Info!

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Hannah November 23, 2014 at 13:23

Weil a’ zum stimmen aller Instrumente verwendet wird. Was bei einer Gitarre vielleicht unpraktisch ist, mach bei anderen Instrumenten wiederum viel mehr Sinn. Zumal das hier ein Geigen-Blog ist und man Geigen über die a-Saite stimmt.

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