Die Billigheimer

by Stefan Maus

Geiz ist geil!

Eine große Elektronikkette benutzte diesen Slogan, um Kunden anzulocken. Auch wenn die Wortwahl nicht unbedingt glücklich war, zeigte er doch, wie eine ganze Gesellschaft ohne Rücksicht auf (Qualitäts-) Verluste in einen Spar-Wahn verfiel.
Das mag für Lebensmittel und Dinge des täglichen Gebrauchs zutreffen, aber nicht unbedingt für komplizierte Elektronikartikel. Dem möchte ich einen anderen Slogan entgegenhalten:

Billig ist oft teurer!

Der durchschnittliche Autokäufer hat den Wahrheitsgehalt dieses Spruchs längst erkannt und kauft entsprechend. Wie anders ist es zu erklären, dass ein rumänischer Autohersteller eines französischen Konzerns trotz einer groß angelegten Werbeaktion verglichen mit anderen Herstellern kein Bein an die Erde bekommt? Und das trotz eines Einstiegspreises von € 7200,- (Juli 2008) für eine viertürige Limousine! Neu!
Bei dem Preis müssten die Straßen voll sein mit Fahrzeugen dieser Marke. Stattdessen wird, ohne mit der Wimper zu zucken, der zwei-, drei- oder vielfache Preis für einen Gebrauchtwagen anderer Hersteller auf den Tisch gelegt.

Heute morgen habe ich in dem bekannten Internet-Auktionshaus nach “Violine” gesucht und ein Angebot gefunden:
Sofortkauf für € 39,90.
Inklusive Bogen, Koffer und – man höre und staune – einem Zusatzgurt für den Kasten.

Eine meiner Schülerinnen kam vor einiger Zeit freudestrahlend mit einem wahren Schnäppchen zum Unterricht. Sie hatte, bevor sie als Anfängerin mit dem Unterricht begann, ein Gerät ersteigert (es widerstrebt mir, den Ausdruck “Instrument” zu benutzen) für sage und schreibe € 90,-. Mit Bogen. Und Kasten.
Die Geige klang wie… nun ja… wie 90 Euro. Ich selbst spiele nun seit mehr als 35 Jahren Geige und weiß eigentlich schon, was ich tue, aber auch mir war es nicht möglich, einen Ton zu erzeugen, der schön klang, egal wie sehr ich mich bemühte. Sie erzählte mir, dass die Geige nicht spielfähig war, als sie ankam, der Steg war umgekippt, der Stimmstock kullerte lose herum, und zwei Saiten waren gerissen.
Freude hatte sie an ihrem Ton genausowenig wie ich. Trotz guter Bogenhaltung.

In Internet-Foren (der aufmerksame Leser merkt, ich bin häufiger dort unterwegs) liest man immer wieder den Tip, doch zu Anfang so ein Billig-Instrument zu erstehen, um auszuprobieren, ob das Instrument Violine überhaupt das richtige ist, oder ob der Schüler nicht lieber Klavier, Blockflöte oder Alphorn erlernen soll. Wie, um alles in der Welt, soll denn ein Schüler jemals Freude an diesem Instrument empfinden, wenn es so schlecht klingt, dass ihm nicht einmal der Lehrer halbwegs annehmbare Töne entlocken kann?

Billig ist oft teurer. Die Chancen stehen gut, dass der Schüler ziemlich schnell aufgibt und das Instrument liegen bleibt. Ich wage zu bezweifeln, dass sich viele Kaufinteressenten für ein gebrauchtes Billig-Gerät für denselben Preis melden werden.

Was wäre denn die Alternative gewesen?
Die Schülerin hätte sich für denselben Preis für einige Monate von einem seriösen Geigenbauer ein Leihinstrument mieten können. Das wäre in einem guten Zustand gewesen, der Wert hätte vielleicht bei €1500,- gelegen, die Geige wäre automatisch versichert gewesen, und sie hätte mit Sicherheit viel mehr Freude am Geigen gehabt und hätte es besser beurteilen können, ob das Instrument Violine für sie in Frage kommt oder nicht.
Jetzt wird vielleicht die Frage kommen “und danach?”.
Danach hätte sie entweder dasselbe Instrument käuflich erwerben können, wobei der Mietpreis z.T. auch angerechnet wird, oder sie hätte sich auf die Suche nach einem anderen Kaufinstrument machen können.

Mir ist durchaus bewusst, dass € 1500,- ein ziemlicher Batzen Geld ist, verglichen mit den € 90,- für das Auktionshaus. Allerdings vergessen die meisten Kritiker der so hohen Preise für Instrumente, dass das investierte Geld nicht einfach verloren ist. Anders als bei einem durchschnittlichen Auto, und anders als bei einer Billig-Geige, verliert ein gutes Streichinstrument nicht an Wert. Gute Pflege vorausgesetzt, sollte das Instrument zumindest seinen Wert halten, bei einem etwaigen Wiederverkauf also die o.a. € 1500,- wieder hereinbringen, vielleicht sogar mit einem entsprechenden Aufschlag, um die momentan galoppierende Inflation auszugleichen.

Mein eindringlicher Appell an alle potentiellen Geigenschüler lautet: Vergesst die Biligheimer, geht zum Geigenbauer, mietet Euch ein Instrument, sucht Euch einen guten Lehrer und vor allem – habt Freude an der Musik mit diesem wunderschönen Instrument!

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{ 7 comments… read them below or add one }

Kameleon July 8, 2008 at 8:24

Diesem Artikel ist im Großen und Ganzen zuzustimmen, was Geigen betrifft. Nur zu dem rumänischen Autobauer, der angeblich “kein Bein an die Erde bekommt” wäre hinzuzufügen, dass dieser keineswegs Schrott baut: Seine sensationell günstige Limousine schneidet nämlich in Testberichten einigermaßen gut ab.

Dieses Auto war anfangs für Schwellenländer konzipiert worden und sollte in Westeuropa gar nicht verkauft werden. Später hat sich der Autobauer entschieden, es auch in Westeuropa zu vermarkten, weil es eben auch hier allerhand Leute gibt, die ein ordentliches Auto für wenig Geld möchten.

Bei diesen Autos ist der Preisunterschied ja auch nicht so riesengroß wie bei den Geigen: Wenn eine gute Schülergeige 1500 Euro kostet und das billigste “Schnäppchen” nur 39 Euro, das wäre im Vergleich so, als wenn ein namhafter Hersteller Limousinen für 20.000 Euro anbietet und der billigste Hersteller seine Limousine für nur 520 Euro verkauft.

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Butzendorf September 18, 2008 at 22:13

Ich habe selbst auch eine Erfahrung mit einer solchen China-Geige machen müssen und Alles in Allem ist die Qualität solcher “Instrumente” tatsächlich sehr schlecht. Für die besagten 39 Euro bekommt man mit Sicherheit auch nur Sperrholz, das bestenfalls als Wandschmuck taugt. Das Komplettset, das ich für billige 90 Euro erstanden habe, ist zumindest aus Holz (Fichtendecke, Ahornboden und -zargen; Griffbrett, Seitenhalter, und Kinnstütze aus Ebenholz). Allerdings kann von “spielfertig” nicht die Rede sein. Die Unterseite des Stegs war schräg geschliffen, so dass der Steg zwangsläufig schief auf dem Korpus stand. Der Stimmstock stand ebenfalls schief ca. 1.5cm hinter dem Steg. Die Qualität von Kolophonium und Saiten ließe sich wohl nur mit Fäkalsprache adäquat beschreiben. Das Holz selbst ist von mäßiger Güte. Die Maserung insbesondere der Fichtendecke ist nicht sehr gleichmäßig und ich glaube auch nicht, dass es gut abgelagert wurde, aber was soll man bei dem Preis auch erwarten. Bei der Farbe handelt es sich um einen Acryllack, der sich mit einem Arbeitsgang auftragen lässt (obwohl ich zugeben muss, dass die Lackierung tatsächlich recht schick aussieht, wenn man nicht zu genau hinsieht).
Der Klang in dem Zustand, wie sie ausgeliefert wurde, war entsprechend schlecht. Es stellte sich sehr bald heraus, dass es sich nicht bloß um mein Unvermögen handelte, denn nachdem ich einige der gravierenden Mängel beseitigt hatte, verwandelte sich dieses “Gerät” (siehe oben) tatsächlich in etwas, dass klanglich einer Geige recht nahe kam.
FAZIT: Gelohnt hat es sich trotz Allem nicht. Wenn man bedenkt, dass man in einem Musikgeschäft eine günstige Anfängergeige ab 250 bis 300 Euro aufwärts bekommt (allerdings nur die Geige), wird man zwar zunächst etwas mehr Geld los, erspart sich aber eine Menge Ärger. Wer Unterricht nimmt (empfehlenwert gerade für den Anfang), wird schnell einen Betrag bezahlt haben, der höher liegt.
Wer so wie ich eine Geige als Zweitinstrument spielen möchte und ständig knapp bei Kasse ist (Bafög), sollte darauf gefasst sein mit einer billigen China-Geige eine lange und oft frustrierende Odyssee auf sich genommen zu haben. Wer gerne bastelt, über unerschöpfliche Geduld verfügt und sich nicht daran stört, sehr viel langsamer Fortschritte zu machen, wird sicher viel über die Geige lernen.
Für alle anderen gilt: FINGER WEG!!!

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Stefan in Winnipeg October 12, 2008 at 7:17

Hier bin ich ganz anderer Meinung.
Ich würde vorschlagen: Kauft die billigen Geigen, aber eingeplant werden Zusatzkosten für Werkzeuge und Ersaztzeitle, im Verhältniss 1:3.

Das heisst, kauf die $100 Geige, aber dazu noch gute Saiten, und Bücher und Werkzeuge für $300. Im schlimmsten Falle vermurksen wir die billige Geige, aber die Werkzeuge, und viel wichtiger, die Erfahrungen die wir damit machen, die bleiben uns zurück. Neuer Steg, Stimmstock rumzuckeln. Das ist viel besser als zum Geigenbauer zu gehen, so sehe ich das. Selberbasteln!

Der Spass dabei und dass Erlente bleibt mir immer bei.

Hier zwei Beispiele: http://www.theyellowtags.com/ oder in Europa: http://www.violinprojekt.de/

Jeder der es anders machen will, der darf natürlich.

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Ekronicity May 17, 2009 at 21:47

Ich kann diesem Artikel auch ausnahmsweise nicht zustimmen (so gerne ich auch sonst diesen Blog lese). Meine Geige ist ebenfalls so ein Billigprodukt aus Fernost. Ich selber habe 20 Jahre Klavier gespielt, bin dann aber so oft umgezogen, dass ich das Instrument bei Verwandten lassen musste. Da ich aber auf das Musizieren nicht vollends verzichten wollte, habe ich mir eben in besagtem Auktionshaus eine solche Geige gekauft. Für mich erfüllt sie ihren Zweck. Der Klang ist in Ordnung, ich habe Spaß darauf zu spielen. Ich mache gute Fortschritte auf der Geige, so dass ich wohl mittel- bis langfristig auch ein gutes Instrument kaufen werde. Bis dahin aber kann ich an der “China-Geige” absolut nichts Negatives finden. Klavierspielen hab ich damals auch zu Anfang auf einem “Instrument” gelernt, dass ich heute nicht mal anfassen würde: geschadet hat es nichts.

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Patrick August 19, 2009 at 9:10

China ist nicht gleich China. Auch bei Chinageigen gibt es große Unterschiede:
In China gibt es ernsthafte Geigenbauer, die sehr gute Instrumente herstellen, die sich vor deutschen Meistergeigen für mehrere tausend Euro nicht verstecken müssen, Geigen-Manufakturen, die gute bis passable Instrumente zu sehr niedrigen Preisen bauen, und Fabriken, die Sperrholzgeigen produzieren, mit denen kein Geiger (und vor allem kein Anfänger) glücklich wird.
Ein Beispiel aus der Praxis:
Vor einigen Monaten brauchte mein Sohn (8) eine größere Geige. Ich habe mir von mehreren Geigenbauern halbe Geigen schicken lassen, die wir ca. 2 Wochen lang parallel auf Herz und Nieren getestet haben, allein und mit der Lehrerin. Ich habe bei der telefonischen Bestellung darauf hingewiesen, dass ich für ein begabtes Kind (Polish Dance von Severn nach 2,5 Jahren Unterricht) ein möglichst gutes Instrument mieten möchte:
Im Rennen waren:
a) eine Geige vom deutschen Geigenbauer A (Wert 3.500 Euro)
b) und c) zwei Geigen, vor dem Versand speziell überarbeitet vom deutschen Meister B (2.800 Euro)
d) eine Geige aus Rumänien (1.500 Euro)
e) eine China-Geige “Meisterkopie”, im Sonderangebot mit Bogen und Koffer (820 Euro, aber nur zum Kauf, nicht zur Miete).
Die 3.500-Euro-Geige und die Geige aus Rumänien waren sofort aus dem Rennen: Spielbarkeit, Ansprache und Ton waren deutlich schlechter als bei den anderen. Am Ende lieferten sich eine der 2.800-Euro Geigen und die aus China ein Kopf-an-Kopf-Rennen und gingen gleichzeitig ins Ziel. Gewonnen hat am Ende die China-Geige deswegen, weil sie noch nicht eingespielt war und sich vermutlich noch entwickeln wird.
Der mitgelieferte Kasten stinkt immer noch und der einfache rumänische Bogen wird gerade ausgetauscht, weil die Kopfplatte sich löst (Garantiefall), aber die Geige ist phänomenal.
Auch hier: der halbe 250-Euro-Bogen mit Silbergarnitur vom deutschen Meisterbogenmacher war nur unwesentlich besser als der Billigbogen, der jetzt ausgetauscht wird.

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Stefan Maus August 19, 2009 at 13:10

Mir ging es in dem Artikel nicht darum, pauschal Produkte aus Fernost niederzumachen. Deshalb habe ich auch den Ausdruck China-Geige vermieden.
Ich halte nur Komplett-Angebote für € 90,- incl. Bogen und Kasten für bedenklich und in den meisten Fällen für ausgesprochenen Schund.
Ich selbst habe bei einem Geigenbauer in Peking ein Instrument für etwa 900 oder 1000 Euro gespielt, und es hat mir erstaunlich gut gefallen. Es liegen aber Welten zwischen einem chinesischen Instrument dieser Preislage und einem vermeintlichen Internet-Schnäppchen für 90 Euro.

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Franziska December 28, 2009 at 2:03

Auch ich habe schon meine Erfahrungen mit solchen “Billig-Geigen” gemacht. Meine Freundin versuchte mir nämlich weiszumachen, ihre Eltern hätten ihr zum Geburtstag eine richtige Geige geschenkt. Ich war ziemlich erstaunt, denn normalerweise bekommt sie selten Geschenke, die mehr als 50 Euro wert sind. Also fragte ich sie, wie ihre Eltern ihr eine Geige für so einen Betrag besorgt hatten. Ich erfuhr, dass es es sich um ein neues Instrument mit dem titel “Kindergeige” handelte. Ausgesehen hat es aber wie eine normale 4/4 Geige, nur der Klang war schrecklich. Kein Wunder: Die Geige hatte inklusive “Profikasten” und “Spezialbogen” nicht mehr als 60 Euro gekostet. Ein Jahr später fragte ich meine Freundin dann, ob wir nicht mal zusammen etwas spielen könnten. SIe auf der Geige, ich am Klavier. Allerdings musste ich dabei feststellen, dass meine Freundin nach einem Jahr erst mit dem Greifen von Tönen in der ersten Lage angefangen hatte. Das wunderte mich natürlich erst recht. Erst jetzt erfuhr ich, dass dieses “Billiginstrument” ihre Liebe zur Musik vollständig zerstört hatte. Warum? Meine Freundin war der festen Überzeugung, sie könne nie richtig Geige spielen lernen, und machte dafür den schlechten Klang ihres Instruments verantwortlich.

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