Angeregt durch einen Kommentar zu meinem Artikel über das Üben im Meeting, möchte ich hier all denjenigen, die vielleicht ein wenig unsicher in punkto Bogenhaltung sind, einen zweiteiligen Beitrag zur Verfügung stellen.
Zunächst einmal betone ich, dass es nicht die Bogenhaltung schlechthin gibt. Genauso wenig, wie es die Einheits-Hand gibt. Zuallererst muss sich die Hand wohlfühlen. Es nützt nichts, wenn der Geiger in dem Bestreben, die Bogenhaltung seines Lehrers zu imitieren, eine völlig verkrampfte Haltung bekommt, weil er vollkommen andere Finger hat. Jemand mit dicken, kurzen “Wurstfingern” hat naturgemäß eine andere Haltung als jemand mit langen, dünnen “Spinnenfingern”.
Dennoch gibt es einige Regeln, die für alle Finger gelten, und diese möchte ich hier aufzeigen.
Wir beginnen mit der Vorbereitung zur Haltung des Bogens. Dazu bilden wir mit Daumen und Mittelfinger eine Art Ring, wobei nicht beide Fingerkuppen gegeneinander stoßen, sondern vielmehr die Kuppe des Daumens ein wenig höher am Mittelfinger steht:

In diesen Ring legen wir den Bogen, ohne die Geometrie wesentlich zu verändern. Daumen und Mittelfinger halten den Bogen, sind somit unsere wichtigsten Finger. Ob sie sich dabei berühren, ist unerheblich:

Der Daumen sollte dabei locker bleiben. Die unvermeidliche Frage lautet:
Muss der Daumen rund, gerade, durchgestreckt oder abgeknickt stehen?
Ich persönlich vertrete die Auffassung, dass es maßgeblich auf die Länge des Daumens ankommt. Ein kurzer Daumen muss notwendigerweise gerader stehen als ein langer, der den “Ring” runder bilden kann. Mein Daumen hat eine ziemlich durchschnittliche Länge, also ist mein Daumen leicht rund, was auch im ersten Bild zu erkennen ist.
Den Ringfinger stellen wir nun mit etwas Abstand neben den Mittelfinger. Auch hier wieder, je nach Länge, mehr oder minder auf das “Froschauge”. Längere Finger greifen ein wenig tiefer, kürzere bleiben oberhalb des Auges stehen.
Der kleine Finger steht mit der Kuppe auf der Bogenstange, um so eine Art Gegengewicht zu bilden, denn Daumen und Mittelfinger bilden unseren Drehpunkt.
Um auf der anderen Seite den Druck auf den Bogen zu bekommen, benötigen wir den Zeigefinger (siehe auch Pronation). Ihn stellen wir, ebenfalls mit etwas Abstand, neben den Mittelfinger:

Beim Zeigefinger gilt es zu beachten, dass er nicht zu weit nach vorn geschoben wird. Wir sollten mit einer Kontaktstelle noch unterhalb des zweiten Fingergliedes auf den Bogen drücken. Nur so ist gewährleistet, dass wir zum einen genügend Druck aufbauen, zum anderen diesen auch noch fein genug dosieren können:

Wie weit muss nun der Zeigefinger vom Mittelfinger entfernt stehen?
Darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Auch hier bin ich der Meinung, dass es in erster Linie darauf ankommt, wie sich die Hand anfühlt. Der Spieler sollte gut damit klarkommen und sich nicht sklavisch an Zentimeterangaben halten.
Hier zwei Beispiele, wie der Zeigefinger nicht aussehen sollte. Wenn wir ihn zu weit in Richtung Bogenspitze schieben, können wir zwar einen ungeheuren Bogendruck ausüben, die Hand ist aber verkrampft:

Das andere Extrem haben wir hier - der Zeigefinger steht direkt neben dem Mittelfinger. Die Bogenhaltung wird sehr labil, und es wird schwierig, den nötigen Druck lediglich durch Pronation aufzubauen, schon aufgrund der Hebelgesetze:

Alles dazwischen ist erlaubt, solange sich die Hand gut anfühlt.
Im zweiten Teil schauen wir uns an, wie sich die Bogenhaltung während eines Striches vom Frosch zur Spitze verändert.
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