Die franko-belgischen Russen

by Stefan Maus

Mehrfach schon bin ich darauf angesprochen und angeschrieben worden, ich möge einen Artikel verfassen, der sich mit den beiden großen Schulen der Bogenhaltung beschäftigt:
Der russischen (auch St. Petersburger) und der franko-belgischen Haltung.

Seit vielen Jahren existieren beide Arten der Bogenhaltung parallel, wobei in den letzten Jahrzehnten zu beobachten ist, dass die franko-belgische Haltung ein gewisses Übergewicht zu erlangen scheint.

Diese Hinwendung zur franko-belgischen Schule ist primär darauf zurückzuführen, dass sie für den Durchschnittsgeiger Vorteile bietet, die bei der russischen Variante nur schwierig zu kompensieren sind.

Schauen wir uns einmal die russische Bogenhaltung an:

russ.jpg

Der Unterarm ist relativ stark gedreht (siehe auch die Pronation), wodurch der kleine Finger gerade steht. Gelegentlich ist zu beobachten, dass selbst der Ringfinger fast schon auf der Bogenstange steht.
Der Zeigefinger umgreift die Stange und gibt den Druck oberhalb des zweiten Fingergelenks an den Bogen weiter.

russfinger.jpg

Da der Ellenbogen höher gehalten wird als bei der franko-belgischen Haltung, kann ein deutlich stärkerer Druck auf den Bogen ausgeübt werden, zumal der Bogen weniger stark gekantet wird. Wir spielen also in erster Linie mit allen Haaren.

Zum Vergleich hier ein Bild der franko-belgischen Haltung:

frbel.jpg

Dies ist die Haltung, die heutzutage als “moderner” angesehen und häufiger unterrichtet wird.
Der kleine Finger ist gebeugt, eher rund, der Unterarm ist weniger stark gedreht, und der Zeigefinger drückt unterhalb der zweiten Fingergelenks auf den Bogen.

francfinger.jpg

Dadurch umgreift der Zeigefinger die Stange nicht so sehr wie bei der russischen Haltung. Der Bogen ist stärker gekantet, wir spielen also vom Frosch bis fast in die obere Hälfte mit einem Teil der Haare. Erst zur Spitze hin benutzen wir alle Haare, um den nachlassenden Bogendruck zu kompensieren.

Vor- und Nachteile der beiden Varianten

Die Stärke der russischen Bogenhaltung ist der leichter zu erzielende Bogendruck. Durch die hohe Armposition und die Kontaktstelle des Zeigefingers oberhalb des zweiten Gelenks ist es verhältnismäßig leicht, einen sehr satten Ton zu erreichen.

Der Nachteil ist die relative Starrheit der Haltung. Der kleine Finger ist gerade und bleibt auch am Frosch fast unverändert so. Zusammen mit der geringen Kantung des Bogens ist es sehr viel schwieriger, am Frosch kratzfrei zu spielen, denn der kleine Finger agiert nicht als Stoßdämpfer. Jede noch so kleine Ungenauigkeit in der Bogenführung schlägt sofort ungemindert zum Bogen durch und damit auch zum Ton, weil der kleine Finger nichts abfedern kann.
So mancher Geiger mit russischer Bogenhaltung spielt daher eher ungern am Frosch, weil die Gefahr sehr groß ist, Kratzer zu produzieren, besonders an leisen Stellen.

Genau in diesem Punkt hat die franko-belgische Haltung ihren großen Vorteil. Der kleine Finger ist rund. Wenn wir eine weiche und flexible Haltung haben, können wir uns auch größere Schnitzer in der Bogenführung erlauben, ohne dass wir es klanglich zur Kenntnis nehmen werden. Der kleine Finger, gepaart mit dem gekanteten Bogen, wird dafür sorgen, dass nichts davon hörbar wird.

Der Nachteil dieser Haltung liegt im Kraftaufwand bei der Produktion eines satten und lauten Tones. Wir müssen mehr Kraft aufwenden, um denselben Effekt zu erzielen, den wir bei der russischen Haltung fast automatisch erreichen.
Ganz besonders an der Spitze des Bogens benötigen wir einen starken Druck durch Pronation, um genauso laut spielen zu können.

Die Alternative

Auch dieses Problems hat sich der Violinpädagoge Ivan Galamian angenommen. Seine Überlegung war, wie man die Flexibilität der franko-belgischen Haltung mit der Kraft der russischen Schule verbinden könne.
Seine Variante ist eine Art Derivat der franko-belgischen Haltung:

galamian.jpg

Dabei steht der Zeigefinger weiter in Richtung Spitze, und das Handgelenk ist weniger gebeugt. Auf diese Weise kann deutlich mehr Druck in der oberen Hälfte eingesetzt werden, ohne die Flexibilität und Weichheit am Frosch opfern zu müssen.
Dieses ist die momentan wohl modernste Haltung, die unterrichtet wird.

Die beste Haltung

Die beste Haltung ist diejenige, die uns ermöglicht, alles das zu spielen, was gefordert ist, und das möglichst, ohne zwischendurch etwas umstellen zu müssen.
Jascha Heifetz war ein außergewöhnlich begabter und begnadeter Geiger. Er benutzte die russische Bogenhaltung.
Isaac Stern verwendete die franko-belgische Haltung, Pinchas Zukerman ebenfalls. Nathan Milstein wiederum die russische, während Itzhak Perlman zur franko-belgischen Schule tendiert. Tetzlaff verwendet die Galamian-Version.

Welche Haltung Sie auch benutzen, ausschlaggebend ist die Frage, ob Sie mit dieser Haltung den Effekt erzielen können, den sie möchten. Solange das der Fall ist, gibt es keine Veranlassung, etwas umzustellen, selbst wenn eine andere Haltung vielleicht als moderner erachtet wird.
Nur, weil etwas moderner ist, muss damit nicht notwendigerweise das ältere auch schlechter sein.

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{ 5 comments… read them below or add one }

Tabea March 16, 2009 at 9:28

Die Beschreibung der unterschiedlichen Bogenhaltungen ist so glasklar gelungen, dass ich jetzt genau weiß, welche ich benutze, nämlich die von Galamian-Version der belgisch-französischen Schule.

Danke!!!

Mit meiner Tochter dagegen habe ich tagtäglich Auseinandersetzungen mit ihrer Art der Bogenhaltung. Wenn sie sich auf etwas anderes konzentriert, verfällt sie immer (!) in die russische Bogenhaltung. Ich glaube es liegt daran, dass ihr Leihbogen in der Behaarung vielleicht nicht optimal ist, und sie höheren Druck benötigt, um einen Ton zu erzeugen.

Da ich aber von der Galamianschen Variante der belgisch-französischen Schule überzeugt bin, werde ich weiter auf dieser Bogenhaltung bei ihr bestehen. Eher werde ich mal schaun, ob man den Bogen nicht wechseln könnte…

Reply

uri geller April 3, 2010 at 15:18

“Da ich aber von der Galamianschen Variante der belgisch-französischen Schule überzeugt bin, werde ich weiter auf dieser Bogenhaltung bei ihr bestehen…”

ohje das arme Kind.

Reply

Martin Armoniac May 9, 2010 at 0:40

Liebe Tabea, lies doch mal die ersten Seiten aus “Also sprach Arnold Jacobs”. Da geht es auch um Haltungsfragen. :)

Reply

Anonymous March 10, 2015 at 21:26

Schicker Bogen… :)

Reply

Katrin Pfitscher January 1, 2017 at 21:15

Sehr geehrte Damen und Herren,

in der gedruckten Fassung meiner Dissertation „Franco-belgische Russen und deutsche Amerikaner? Klassische Violinschulen im Vergleich“ möchte ich 3 Abbildungen von Ihrer Homepage

http://www.sdmaus.com/geigenblog/die-franko-belgischen-russen.html

reproduzieren:

1. Bild
3.Bild
5.Bild zur Bogenhaltung

Meine Publikation wird in einer Auflage von 240 Stück im Rombach-Verlag, Freiburg i.Br., in der Reihe „klang-reden“ erscheinen. Eine Vorlage zur Reproduktion steht zur Verfügung.

Können Sie mir bitte die Rechte für diese Reproduktionen überlassen?

Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen,
Katrin Pfitscher

Reply

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