Die Pronation

by Stefan Maus

Jeder kennt sie, kaum einer hat je das Wort gehört: die Pronation.
Gemeint ist die Drehung, Rotation des Unterarms um Elle und Speiche.

Um einen schönen und bei Bedarf kräftigen Ton auf der Geige erzielen zu können, benötigen wir einen gewissen Druck mit dem Bogen auf der Saite. Geben wir weniger Druck, klingt es zunächst ein wenig oberflächlich, was durchaus gewollt sein kann, z.B. bei Komponisten aus dem Impressionismus. Es entsteht eine Tongebung, die auch “flautando” genannt wird. Setzen wir noch weniger Druck ein, bleibt uns am Ende der Ton völlig weg, und es ist nur noch ein leicht rauschendes Geräusch mit einigen Ton-Fragmenten hörbar.

Wie erreichen wir am besten den Bogendruck, den wir benötigen, um den gewollten Sound zu erreichen?

“Man drückt einfach irgendwie drauf”. Jedenfalls habe ich manches Mal den Eindruck, wenn ich einige Geiger beobachte, wie sie sich redlich abmühen, unter Zuhilfenahme des Oberarmes und am besten noch der Schulter obendrein.
Die Haltung bei der Geige ist, streng genommen, unnatürlich genug. Kein Mensch läuft mit einem extrem eingedrehten und hochgehaltenen linken Arm durch die Straßen. Er würde schnurstracks zum nächstgelegenen Orthopäden geschickt werden.
Eigentlich sollte man beim Geigen versuchen, mit dem geringsten Aufwand den größten Effekt zu erzielen – erinnern wir uns doch an unsere Schulzeit, da war es nicht anders…

Was bedeutet also “Pronation”?
Nehmen wir einen Schraubenzieher zur Hand, gehen zur nächsten Wand und drehen mit der rechten Hand eine Schraube hinein. Vorausgesetzt, wir haben ein normales Gewinde, drehen wir im Uhrzeigersinn mit dem Unterarm. Und zwar um Elle und Speiche. Diese Bewegung nennt man Supination.
Um die Schraube wieder zu entfernen, drehen wir in die entgegengesetzte Richtung, und das ist die Bewegung, die wir brauchen, um unsere Bogenführung zu optimieren, die Pronation.

Wie wird das jetzt auf der Geige umgesetzt?
Setzen wir die Geige einmal normal an, als wollten wir spielen. Den Bogen legen wir entspannt und ohne Druck in der oberen Bogenhälfte auf die A- oder D-Saite. Dann lassen wir den Oberarm und die Schulter so, wie sie sind, und drehen, so als wollten wir eine Schraube in die Wand drehen, den Unterarm ein wenig, bis der Bogen die Saite verlässt.
Danach drehen wir den Unterarm in die entgegengesetzte Richtung, der Bogen legt sich wieder locker auf die Saite. Danach führen wir dieselbe Prozedur noch einmal aus, aber dieses Mal drehen wir den Unterarm beim Zurückgehen etwas weiter als bisher. Wir spüren einen gewissen Widerstand im rechten Zeigefinger, und der Bogen biegt sich ein wenig durch.
Genau das ist das Gefühl und die Bewegung, die wir brauchen, wenn wir Druck auf den Bogen geben wollen, nichts anderes.

Was sind die Vorteile?
Durch diese Technik und Bogenführung kommt den einzelnen Beteiligten an der Bogentechnik wieder die Aufgabe zu, die ihnen ursprünglich zugedacht war.
Oberarm und Ellenbogen bewegen sich hauptsächlich in der Senkrechten, um die Saitenebenen festzulegen. G-Saite – Ellenbogen hoch, E-Saite – Ellenbogen runter.
Der Unterarm bewegt sich mehr oder weniger in einer Horizontalen dazu. Er ist fast ausschließlich für den eigentlichen Bogenstrich verantwortlich.
Die Finger halten den Bogen und übernehmen das, was sie durch die Pronation des Unterarmes vorgegeben bekommen. Mittelfinger und Daumen halten den Bogen, bilden also eine Art Drehpunkt, und die Unterarmdrehung sorgt dafür, dass der Zeigefinger den Druck auf den Bogen gibt.
Die Schulter hält sich vollkommen heraus. Wir brauchen sie nur, weil der Oberarm nun mal daran “festgeklebt” ist.

Der Effekt ist, dass wir wesentlich entspannter spielen, ein gewisses Training vorausgesetzt, auch keine Schmerzen haben und deutlich länger durchhalten können, was besonders Orchestermusiker zu schätzen wissen, die ihren Doppeldienst leisten müssen. Daher wird man gerade in Profimusiker-Kreisen wohl niemals jemanden beobachten können, der mit Hilfe der Schulter oder des Oberarmes “irgendwie” auf die Saiten presst.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass durch die relativ kleine Bewegung der Pronation die Dosierung des Bogendrucks leichter ist als durch das Drücken mit dem kompletten Oberarm. Druckveränderungen im Gramm-Bereich sind somit kein Problem, was für einen ganzen Oberarm schwieriger wäre.

Geigenschülern, denen der rechte Oberarm schmerzt oder bei denen die rechte Schulter verspannt ist, empfehle ich, einmal ihre Lehrer explizit auf die Pronation anzusprechen. Vielfach lassen sich solche Probleme dadurch beheben, dass darauf geachtet wird, wie die Schüler überhaupt den Druck auf den Bogen bringen.
So “verrückt” die Geigenhaltung auch sein mag – Schmerzen sollte man dabei niemals haben.

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{ 2 comments… read them below or add one }

marerl February 20, 2012 at 13:45

Wow! Ich habe es eben ausprobiert ! Das klappt super!
Habe bisher Cello gespielt und spiele jetzt seit 3 Monaten Geige und habe beim Bogenstrich immer zuviel Druck ausgeübt. Es ist doch anders……. Aber das Bewußtmachen der Pronation wird mir helfen!
Danke

Reply

Daniel December 25, 2016 at 19:52

Klasse Erklärung auch oder gerade auch für einen Anfänger.
Herzlichen Dank!

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