Die Wahl der Qual 2. Teil

by Stefan Maus

Wer es in seinem zukünftigen Beruf erst einmal so weit gebracht hat wie in unserem ersten Teil geschildert, kann sich auf eine längere Phase der Probespiele einstellen. Manche Geiger haben das Glück, gleich beim ersten Mal eine Stelle in einem Orchester zu ergattern, viele brauchen dazu mehrere Probespiele, bis alles “passt”, und so manch einer schafft es nie.

Um sich optimal auf Probespiele vorzubereiten, sollte der Musiker es nicht bei der geigerischen Ausbildung an der Hochschule bewenden lassen. Vielmehr sollte er, um im Training zu bleiben und um etwaige Ungenauigkeiten beim Spiel zu vermeiden, auch nach erfolgter Abschlussprüfung weiterhin Unterricht nehmen, bis er eine Stelle bekommen hat – und vielleicht auch darüber hinaus.

Wenn dann der Vertrag unter Dach und Fach und die Probezeit überstanden ist, kehrt langsam der Alltag für den Neuling ein. Das ist für viele der Punkt, an dem sie sich fragen, ob denn die Entscheidung für den Beruf des Musikers so richtig war.

Die Kollegen sind doch nicht so nett, wie es zunächst den Anschein hatte. Es gibt Musiker, die seit zehn Jahren zusammen an einem Pult sitzen und trotzdem nur noch per Anwalt miteinander kommunizieren.
Die Arbeitszeiten sind doch nicht so familienfreundlich, wie man gehofft hatte. An den Tagen, an denen die Normalbevölkerung Urlaub macht oder einen Tag frei hat, spielt man für genau diese Menschen. Dabei würde man doch gerade Silvester gerne etwas unternehmen, was nicht möglich ist, da man Beethovens 9. Sinfonie zum einundvierzigsten Male spielt.
Die Auswahl der Stücke, die man spielen muss, entspricht auch nicht immer dem eigenen Musikgeschmack. In einigen Orchestern ist der Krankenstand immer dann erstaunlich hoch, wenn moderne Literatur auf dem Programm steht.
Irgendwann kommt die permanente Lärmbelastung dazu, die an den Nerven zerrt, die Rückenbeschwerden, die schon manch einen Musiker sogar zur Aufgabe des Berufs gezwungen haben und die Anspannung vor jedem Konzert, mit der jeder Musiker anders klarkommen muss. Für viele ist es kein Problem, manche zerbrechen daran.

Auf der anderen Seite stehen die schönen Aspekte dieses Berufs, die man so bei kaum einer anderen Tätigkeit erleben kann.
In welchem anderen Beruf stößt man fast regelmäßig auf eine kollektive Begeisterung, die die Zuschauer von den Stühlen reißt? Wo sonst erlebt man es, dass ein Publikum buchstäblich zu Tränen gerührt wird? Welcher andere Berufstätige wird an jedem Abend, an dem er seinen Beruf ausübt, minutenlang beklatscht?
Dazu kommen die Reisen, die einen altgedienten Orchestermusiker mehr von der Welt sehen lassen als so manchen Politiker.

Mein Zahnarzt ist Fagottist. Ein sehr guter, nebenbei bemerkt. Ich habe den Eindruck, er sitzt manchmal häufiger auf der Bühne als in seiner Praxis. Er war nach der Schule in der glücklichen Lage, entscheiden zu können, welche Laufbahn er einschlägt.
Musik als Beruf und Medizin als Hobby hätte weder den Patienten noch der Ärztekammer gefallen, also entschied er sich für das Medizinstudium und verzichtete auf seinen Studienplatz an der Musikhochschule. Mittlerweile hat er sich in beiden Sparten einen Namen gemacht und lebt sehr glücklich damit.

Wer sich für den Beruf des Musikers entscheidet, sollte auf jeden Fall wissen, dass er sich eines Hobbies beraubt. Ich kenne keinen Berufsmusiker, der nach zwei oder sogar drei Diensten nach Hause geht, sein Instrument auspackt und nur zur Erbauung mit Kollegen Kammermusik spielt. Wenn er das durchzieht, dann nur, um für ein Konzert mit seinem Streichquartett zu proben.

Ich möchte mit diesem Artikel niemanden davon abbringen, Berufsmusiker zu werden. Ich empfehle nur all denen, die überlegen, ob sie diesen Beruf ergreifen möchten, genau zu prüfen, ob sie die richtige Entscheidung treffen.
Reicht der Enthusiasmus aus, auf viele z.B. familiäre Dinge zu verzichten, die für einen Nicht-Musiker normal sind?
Kann ich auf Wochenenden verzichten und stattdessen mein eigenes Wochenende z.B. auf den Mittwoch verlegen?
Macht mein Freundeskreis das mit, oder werde ich abgeschrieben?
Kann ich mit dem permanenten Konkurrenzdruck in vielen Orchestern leben?
Habe ich die Disziplin, mich täglich mit Tonleitern auseinanderzusetzen?

Musik als Verlegenheitslösung, weil einem nichts besseres einfiel, ist auf jeden Fall der falsche Weg. Wenn ich aber trotz – oder gerade wegen dieser Überlegungen mein Ziel beharrlich weiter verfolgen will, mich nicht davon beirren lasse, wenn es mir eine riesige Freude bereitet, für andere Menschen zu spielen und ihnen dadurch einen schönen, vielleicht unvergesslichen Abend zu bescheren, gibt es kaum einen schöneren Beruf als den des Musikers.

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