Elefantenrennen

by Stefan Maus

Eine weitere Episode aus meinem bewegten Musikerleben :) wurde gewünscht. Nun also, von Elefanten und Menschen.

Als Berufsmusiker versucht man in der Regel, sich nebenher etwas dazuzuverdienen. Diese Musikalischen Gelegenheitsgeschäfte werden zusammengezogen zum Begriff Mugge oder auch Mucke. In der Mucken-Szene finden sich immer wieder dieselben Musiker zusammen. Hier wird das Weihnachtsoratorium gespielt, dort eine Matthäus-Passion, dann wieder eine Werbe-Mucke und vielfach auch in Orchestern, die ausschließlich aus Musikern bestehen, die für ein Konzert zusammengetrommelt werden und sich dann wieder in alle Winde zerstreuen – bis zur nächsten Mucke.
Man kennt sich.

Nun gab es bis vor einigen Jahren in der Mucken-Szene eine Geigerin, die, ursprünglich aus Rumänien stammend, eine ganz ausgezeichnete und begabte Musikerin war. Sie war wirklich gut, hatte einen wunderschönen Ton, eine erstklassige Intonation, große Orchestererfahrung und war obendrein eine tolle Kollegin.
Diese Kollegin, nennen wir sie Romina, hatte nur ein Problem: Sie konnte nicht pünktlich sein. Überhaupt nicht. Ganz und gar nicht. Zu jeder Mucke, egal wann, egal wo, egal mit wem, erschien sie zu spät. Ihre Ausreden, weshalb sie mal wieder zu spät zur Probe, Aufnahme oder zum Konzert erschien, waren geradezu legendär. Von “der Busfahrer hat sich verfahren” bis “der Radiowecker ist abgebrannt” habe ich so gut wie jede Ausrede von ihr gehört.
Sie hatte zu Hause eine große Einkaufstüte mit Strafmandaten, teils bezahlt, teils ignoriert, da sie obendrein auch noch an den unmöglichsten Stellen parkte. Ich habe ihr einmal zu Hause ein Telefon angeschlossen und die Tüte selbst gesehen. Ich wollte es kaum glauben.

Nun hatten wir gerade wieder eine Probe mit irgendeinem Mucken-Haufen, bestehend aus etwa 60 Leuten, ein komplettes Sinfonieorchester. Bestellt war auch Romina. Wir probten und probten, eine Stunde, anderthalb Stunden. Wer nicht da war, Sie ahnen es, war die besagte Kollegin.
Da wir wussten, dass sie so gut wie niemals eine Probe versäumt sondern lediglich extrem unpünktlich war, freuten wir uns schon auf die Vorstellung, die uns bevorstand.

Nach knapp zwei Stunden, wir probten in der Aula einer Schule, wurde die Tür aufgerissen, Romina stand dort, die Geige in der Hand, die Zunge aus dem Mund, hechelnd, “Gott sei Dank, dass ich es geschafft habe!”

Die Bläser fingen an zu grinsen.

Dirigent: “Romina, wo kommen Sie denn jetzt her?”
Romina: “Von zu Hause.”

Die Streicher wurden unruhig, die Blechbläser kicherten.

Dirigent: “Wir proben seit nunmehr fast zwei Stunden, das ist ja wohl eine Frechheit, sich derartig zu verspäten!”
Romina: “Ich musste die Katze meiner Nachbarin beerdigen, die ist doch schon so alt.”
Dirigent: “Und deshalb beerdigen Sie sie?”
Romina: “Ich meine die Nachbarin.”

Der Schlagzeuger prustete los, die Konzertmeisterin biss in ihr Taschentuch.

Dirigent: “Und das hat fast zwei Stunden gedauert???”
Romina: “Nein, natürlich nicht.”
Dirigent: “Und?”
Romina: “Dann habe ich mir ein Taxi gerufen, mein Auto wurde schon wieder abgeschleppt.”

Mittlerweile war es schwierig, das Gespräch weiter zu verfolgen, da ein Posaunist oder ein Trompeter so laut wieherte.

Dirigent: “Ja, aber das dauert doch nicht so lange!”
Romina: “In unserer Straße ist gerade ein Zirkus, und da hat sich ein Elefant losgerissen und wollte auf das Taxi los, und dann hat sich der Taxifahrer in einer Lücke verkeilt, und deshalb bin ich so spät.”

Mehr konnte ich im darauf folgenden Tumult nicht mehr verstehen. Wir mussten eine Pause einlegen, da an ernsthafte Arbeit nicht mehr zu denken war und setzten dann die Probe fort. Mit Romina. Ohne Elefanten.

elephant

Share and Enjoy:
  • E-mail this story to a friend!
  • Print this article!
  • StumbleUpon
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • blogmarks
  • MisterWong.DE
  • Technorati
  • TwitThis

Related posts

{ 4 comments… read them below or add one }

Catharina Jirjahlke August 25, 2008 at 2:30

Hallo Stefan,
Super Seite.
LG,
Catharina

Reply

Stefan Maus August 25, 2008 at 10:21

Vielen Dank! Ich tu, was ich kann… :)

Reply

etrawgew August 29, 2008 at 20:22

hallo stefan,
gerade habe ich mir die zweite folge deiner vibratoübungen – demonstration – angeschaut, und bin begeistert!
denn deine erklärung ist so simpel und doch so phantastisch effektiv!
der finger bleibt auf der saite stehen, durch ziehen und schieben rollt der finger auf der kuppe minimal vor und zurück! ich habs gleich ausprobiert – und es scheint zu funktionieren.
morgen werde ich diese übung ausgiebig wiederholen, tausend dank dafür, das ist einfach genial!
eine frage, bleibt das vibrato-thema sowie alle anderen themen länger auf deiner seite, oder sollte ich es mir kopieren?
mit herzlichen grüßen aus kassel,
brigitte.

Reply

Stefan Maus August 30, 2008 at 11:44

Das freut mich, wenn meine Ausführungen weiterhelfen!
Die Themen sollten alle im Blog bleiben. Sie werden im Laufe der Zeit weiter nach hinten rutschen, aber sie bleiben bestehen.
Im Zweifelsfall einfach die Suche bemühen oder aber mit der sog. Tag-Cloud in der rechten Spalte nach den Begriffen suchen. Oder in den Themenbereichen rechts auf Vibrato (oder den gewünschten Bereich) klicken. Dann erscheinen alle Artikel zum gewählten Thema.

Reply

Leave a Comment

Previous post: Das Üben im Meeting Teil 2

Next post: Der böse Wolf