Mysterium Lagenwechsel Teil 1

by Stefan Maus

Früher oder später wird sich jeder Geigenschüler mit der Aufgabe auseinandersetzen müssen, die so vertraute und sicher funktionierende erste Lage zu verlassen. Ich erlebe immer wieder, dass dabei grundsätzliche Fehler gemacht werden, auch von fortgeschrittenen Schülern, die den reibungslosen Ablauf behindern oder sogar unmöglich machen.
In meiner Lagenwechsel-Serie will ich versuchen, auf einige der am häufigsten auftretenden Fehler einzugehen und sie damit vielleicht sogar zu vermeiden.

Warum brauchen wir überhaupt Lagenwechsel? Wieso bleiben wir nicht einfach, solange es geht, in der ersten Lage? Es gibt dafür im wesentlichen vier Gründe:

Technische Gründe

Zum einen können das Punkte sein, die die linke Hand betreffen. Viele schnellere Passagen lassen sich erheblich einfacher bewältigen, wenn ich z.B. nicht ständig von der A- auf die E-Saite wechseln muss sondern die Stelle auf einer Saite spielen kann.
Oder wenn ich eine aufsteigende Sequenz zu spielen habe, drei- oder viermal nacheinander, in der ersten Lage jedes Mal einen anderen Fingersatz hätte und mit anderen Lagen immer denselben Fingersatz benutzen könnte. Der Übeaufwand ist geringer, und die technische Stelle ist logischer aufgebaut.
Zum anderen können das technische Probleme sein, die die rechte Hand betreffen. Wenn ich in einem schnellen Sechzehntel-Lauf störende, immer wiederkehrende Saitenwechsel vermeiden will, die musikalisch nicht zu rechtfertigen wären, kann ich mich durch geschickt eingesetzte Lagenwechsel ihrer entledigen.

Klangliche Gründe

Angenommen, ich habe einen langen Schlusston “E”, so habe ich in der ersten Lage zwei Möglichkeiten: Entweder ich nehme die leere E-Saite, was schauderhaft klingt, oder aber ich nehme den vierten Finger auf der A-Saite, was für viele Menschen unangenehm ist, da zum einen die Spannung in der Hand recht groß ist, zum anderen ein Vibrato erschweren kann, da der vierte Finger eine schwächer entwickelte Muskulatur aufweist. Der Klang ist nicht so schön wie mit einem anderen Finger.
Ich brauche eine andere Lage, um das Problem zu beheben.

Musikalische Gründe

Nehmen wir einmal voriges Beispiel. In einem langsamen Satz finden die letzten Töne auf der E-Saite statt, der letzte Ton ist unser “E”. Wir könnten also das “E” immerhin aus klanglichen Gründen auf die A-Saite verlegen. Wäre es musikalisch nicht viel logischer, die komplette Schluss-Floskel auf die A-Saite zu legen?
In diesem Fall würden wir die letzte Phrase einheitlich auf der A-Saite spielen, mit demselben Klang, ohne die Saite verlassen zu müssen und damit den deutlich helleren Klang der E-Saite in Kauf nehmen zu müssen.
Ein weiteres Beispiel sind die Solosonaten und -partiten von Bach. Sie sind zum großen Teil polyphon angelegt, was viel deutlicher hörbar wird, wenn die jeweiligen Stimmen einer einzigen Saite zugeordnet werden könnten, ohne zwischendurch immer wieder Saitenwechsel zu haben, die den polyphonen Eindruck stören würden.

Unspielbares Notenmaterial

Der vierte Grund ist eher trivial: Die Noten sind schlicht so hoch, dass wir sie in der ersten Lage nicht mehr erreichen können und deshalb wohl oder übel in die Lagen müssen. Oder aber wir haben Doppelgriffe (z.B. Oktaven) zu spielen oder haben künstliche (Quart-)Flageoletts vorliegen, die ebenfalls ohne das Lagenspiel unmöglich wären.




In den weiteren Folgen werde ich genauer auf den Ablauf, die “Anatomie” eines Lagenwechsels eingehen und dabei versuchen, einige grundlegende Missverständnisse und immer wieder auftretende Fehler zu erklären.

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{ 1 comment… read it below or add one }

Debbie July 6, 2008 at 16:44

Hallo Stefan,

vielen Dank für diesen Beitrag! Tatsächlich sind die unterschiedlichen Lagen für mich ein Mysterium.

Sie auf diese Weise auf den Punkt gebracht zu betrachten, nimmt mir allerdings die Scheu davor.

Liebe Grüße,
Debbie.

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