Mysterium Lagenwechsel Teil 5

by Stefan Maus

Die Regel, auf dem zuletzt gespielten Finger in die nächste Lage aufwärts zu rutschen, lässt sich nicht immer anwenden. Es gibt dabei eine Ausnahme, die aus klanglichen Gründen sehr wichtig ist.
Schauen wir uns unser Beispiel aus Teil 3 noch einmal an und konzentrieren wir uns auf die Takte 3 und 4:
LWA1
Nach unserer bisherigen Regel, auf dem zuletzt gespielten Finger nach oben zu rutschen, würden wir auf dem dritten Finger auf dem “h” landen, somit also schon höher als bei unserem eigentlichen Ziel, dem “a”:
LWA2
Das klingt bei der Ausführung ausgesprochen unschön. Die Hand soll aber auch bei diesen Lagenwechseln stabil bleiben. Die Lösung ist, bereits auf dem “Zielfinger”, in unserem Falle dem zweiten Finger, nach oben direkt zum “a” zu rutschen:
LWA3
Das sieht in der gedruckten Version komplizierter aus, als es in Wirklichkeit ist. Zunächst einmal muss der Rhythmus nicht genau punktiert eingehalten werden. Ich möchte mit dieser Schreibweise lediglich verdeutlichen, dass der Zwischenton viel kürzer und “unwichtiger” ist als die Hauptnoten. Zum zweiten ist der Zwischenton kaum hörbar, er wird nur angedeutet, um die Stabilität der Hand zu bewahren. Im Endergebnis ist dieser Lagenwechsel fast unhörbar.
Bei der Ausführung ist unbedingt zu beachten, dass bei unserer Ausnahmeregelung der Zwischenton nicht auf dem alten sondern auf dem neuen Bogenstrich gespielt werden muss, um die Unhörbarkeit zu gewährleisten.
Bei den Lagenwechseln “bergab” gibt es keine Ausnahmen. Es wird stets auf dem zuletzt gespielten Finger in die gewünschte Lage gerutscht.
Grundsätzlich ausgenommen von jeder Regelung sind Passagen, in denen wir bestimmte Effekte erzielen wollen, die der Komponist vorgesehen hat. Das sind z.B. vorsätzliche Glissandi, also hörbare Rutscher von einem Ton zu anderen.
In den nächsten Folgen beschäftigen wir uns mit Beispielen aus der Violinliteratur, um die praktische Anwendung von Lagenwechseln zu beleuchten.

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{ 4 comments… read them below or add one }

Tabea July 14, 2009 at 18:44

Betreffend der Bogentechnik heißt es also generell, sobald der Zielfinger in Aktion tritt – sei es, er greift nach dem Rutschen mit dem alten Finger den angepeilten Ton, oder sei es, man rutscht mit ihm, so dass schon der Ausgangston (Zwischenton) mit ihm gegriffen wird – muss der Bogenwechsel schon vollbracht sein.

Also alle Aktionen des Zielfingers laufen auf dem neuen Bogenstrich ab.

Aber warum im Ausnahmefall, wenn ich den Rutscher doch unhörbar machen will? Das will mir nicht ganz einleuchten.

Reply

Stefan Maus July 14, 2009 at 19:01

Der Rutscher ist in jedem Fall nur angedeutet. In dem Ausnahmefall wäre es schwieriger, den Bogen zu stoppen oder zu verlangsamen, wenn wir diesen Rutscher noch auf dem alten Bogen vollführen würden. Wir würden den Bogen stoppen, den Lagenwechsel vollführen und danach dann den Bogen wechseln.
Auf die oben gezeigte Weise legen wir jedoch quasi das Stoppen mit dem Bogenwechsel zusammen, wir schlagen also zwei Fliegen mit einer Klappe.
Deshalb fällt der Lagenwechsel weniger auf.

Reply

Tabea July 16, 2009 at 13:46

Also geht es letztenendes darum, möglichst die Koordination von rechter und linker Hand leichter zu gestalten!

Danke!!
lg Tabea

Reply

Stefan Maus July 16, 2009 at 14:20

Im Prinzip ja, wenn es um den Zeitpunkt des Bogenwechsels geht. Das Rutschen als solches hat natürlich nichts mit der Koordination zu tun sondern vielmehr mit der Treffsicherheit. ;-)

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