Mysterium Lagenwechsel Teil 8

by Stefan Maus

Gelegentlich spielen wir Stücke, in denen wir von unseren bisher definierten Regeln der Lagenwechsel abweichen müssen. Das geschieht besonders in Kompositionen der Romantik, des Impressionismus oder noch später.
Schauen wir uns einmal dieses Notenbeispiel an:

Sarasate.jpg

Dieses Beispiel ist Takt 13 aus den Zigeunerweisen von Sarasate.
Die römischen Zahlen II und III geben an, auf welchen Saiten die entsprechenden Stellen zu spielen sind. “I” bedeutet E-Saite, “IV” bedeutet G-Saite.
In unserem Beispiel ist also ein Lagenwechsel von der ersten in die fünfte Lage auf der A-Saite gefordert, gleich gefolgt von einem Lagenwechsel zurück in die dritte Lage.
Warum das? Und was bedeutet die Linie zwischen den ersten beiden Achteln?

Die Linie zeigt ein Glissando an, ein hörbares Rutschen. Wenn wir keinen Lagenwechsel hören, haben wir etwas verkehrt gemacht.
Wie sieht dieser Lagenwechsel aus?
Wir rutschen in diesem Fall auf dem Zielfinger, egal welcher Finger vorher benutzt wurde. Hier ist das der zweite Finger. Wir stellen nach dem Doppelgriff den zweiten Finger in der ersten Lage auf das “c” und rutschen direkt auf dem neuen Bogen zum Ziel “g” in der fünften Lage.
Normalerweise hätten wir auf dem alten Bogenstrich und dem ersten Finger hinaufrutschen müssen. Da wir jedoch ein Glissando benötigen, rutschen wir auf dem Zielfinger.

Warum aber auf dem zweiten Finger in die fünfte Lage und nicht auf dem vierten in die dritte Lage?
Das Glissando ist ein sehr spezieller Effekt. Es soll sehr deutlich hörbar sein, dass dieser Rutscher nicht versehentlich sondern mit voller Absicht geschieht. Daher sollten wir versuchen, den Weg möglichst lang zu wählen.
Wenn wir auf dem vierten Finger “e” nach oben zum “g” rutschen, erreichen wir gerade einmal eine Terz, während wir vom zweiten Finger “c” zum zweiten Finger “g” auf immerhin eine Quinte kommen, was sehr deutlich hörbar ist.
Hinzu kommt, dass der zweite Finger stärker als der vierte ist, der Lagenwechsel also sehr viel leichter vonstatten geht.

In der Sechzehntel-Gruppe haben wir einen ähnlichen Effekt. Die Sechzehntel sollen laut Notentext auf der D-Saite gespielt werden, mit einem Lagenwechsel vom “h” zum “d” auf demselben Finger.
Selbstverständlich könnten wir diese Noten auch in der vierten Lage spielen. Es würde kein Glissando entstehen, und die Passage würde viel von ihrem Reiz verlieren. Durch den Lagenwechsel auf demselben Finger entsteht dieses Glissando von ganz allein, ein schönes Beipiel für einen Lagenwechsel, der ausschließlich aus klanglichen Gründen durchgeführt wird.

Versuchen Sie es! Sie werden phantastische Effekte damit erzielen können. Aber denken Sie bitte daran, zum einen ist das Glissando ein Klang-Effekt, der als solcher sparsam und nicht ständig eingesetzt werden sollte. Zum anderen setzen wir in der heutigen Aufführungspraxis Glissando erst mit Beginn der Romantik ein. Ein Glissando bei Bach, Vivaldi oder Telemann würde schauderhaft klingen.

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