Saitensprünge

by Stefan Maus

Immer wieder stoße ich auf die Frage, welche Saiten denn nun definitiv die besten sind. Die Antwort ist ebenso einfach: Kommt drauf an.
Zunächst einmal kommt es darauf an, welche Art von Musik man überhaupt auf dem Instrument spielt. Für Barockmusik sind andere Saiten geeignet als für ein moderneres Konzert. Für Mozart sollten wir andere Saiten verwenden als für eine Metallica-Transkription.

Es wird im Endeffekt auf einen Kompromiss hinauslaufen. Wir werden Saiten benutzen müssen, mit denen wir alle Musiksparten, mit denen wir uns auseinandersetzen, abdecken können.

Des weiteren kommt es darauf an, welche Spielweise der einzelne Musiker pflegt. Jemand, der von Natur aus eher hart spielt, ist mit einer hart klingenden Saite sicherlich nicht gut beraten. Welch einen Bogen benutzen wir? Mit welchem Kolophonium?

Die wichtigste Frage lautet aber: Welches Instrument spielen wir? Jede Geige klingt anders. Jedes Instrument spricht klanglich anders an. Und da wird es interessant, denn dieser Bereich lässt sich nicht in Kategorien einteilen wie Musikstile oder Spielweisen. Wir müssen uns überraschen lassen. Ausprobieren lautet die Devise.

Aus diesen Gründen zögere ich auch immer ein wenig, wenn ich um Rat gefragt werde, welche Saiten auf diese oder jene Geige gehören.
Ich kann nur sehr deutlich sagen, welche Saiten nicht auf eine Geige gehören: Stahlsaiten. Mit Ausnahme der E-Saite, die in den meisten Fällen aus Stahl gefertigt ist, haben Stahlsaiten im “Normalbetrieb” auf unserem Instrument nichts zu suchen, es sei denn, wir wollen ganz bestimmte Effekte erzielen oder Eigenschaften haben, die wir mit anderen Saiten nicht erreichen können.
Der Klang von Stahlsaiten ist so, wie man es von diesem Material erwartet: Hart, metallisch, kalt, wenn man sie mit anderen Materialien vergleicht.

Es läuft auf ein Rennen zwischen zwei Produktkategorien hinaus. Zum einen die traditionellen, manche sagen auch antiquierten, Darmsaiten. Zum anderen die Synthetikprodukte, meistens aus Kohlefaser, Glasfaser, Nylon oder einem anderen High-Tech-Material.

Der Vorteil von Darm gegenüber Kunststoff: Darm klingt weicher, wärmer, organischer, natürlicher, obwohl die High-Tech-Fraktion klanglich in den letzten Jahren enorm aufgeholt hat.

Der Vorteil von Kunststoff gegenüber Darm: Kunststoff hält die Stimmung besser, ist weniger empfindlich gegenüber Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen, Kunststoff lässt sich besser stimmen, und die Einspielphase dauert nicht so lang. Obwohl man auch hier sagen muss, dass die Hersteller von Darmsaiten nicht auf dem Stand der 70er-Jahre stehengeblieben sind. Es hat sich einiges getan, was die Stimmfestigkeit angeht.

Ich weiß, der Leser will endlich Namen genannt bekommen.

Auf meiner Geige klingen Saiten der Firma Larsen sehr gut. Vor einiger Zeit hat Larsen die Tzigane herausgebracht, auch ein High-Tech-Produkt, das sicherlich einen Versuch wert ist.

Pirastro hat als Saitenhersteller eine lange Tradition. Seit Ewigkeiten auf dem Markt ist die Oliv, eine bewährte, sehr warm und weich klingende Saite, die jedoch sehr lange Zeit braucht, bis sie die Stimmung hält und richtig eingespielt ist, ein Grund, weshalb ich davon abgerückt bin.
Ich spiele seit einigen Monaten die relativ neue Passione, eine neu entwickelte Darmsaite. Ich war zunächst skeptisch, da ich als Orchestermusiker auf eine Saite angewiesen bin, die die Stimmung sehr gut hält und keine weiteren Probleme bereitet. Ich war aber erstaunt, wie gut sie im täglichen Betrieb zu “bedienen” ist und kann sie ohne Einschränkung empfehlen.
Den Evah-Pirazzi-Hype der letzten Zeit kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ich persönlich fand auf dem Kunstoff-Sektor sogar die Obligato noch besser, zumindest auf meiner Geige.

Wenn es um Kunststoff geht, rate ich eher zu Dominant-Saiten von Thomastik. Vielleicht nicht zur Spitzenklasse gehörend, sind sie doch sehr zuverlässig, sie klingen gut, halten recht lang und sind überdies recht preiswert. Alles in allem sehr solide Saiten für den täglichen Einsatz im Orchester.

Sehr interessant sind Corelli Saiten von Savarez. Die Crystal, eine Nylon-Saite klang auf meinem Instrument schon recht gut, die Alliance noch um einiges besser. Auf jeden Fall sind sie auch einen Versuch wert.

Bevor sich der Leser auf den Weg in den nächsten Musikalienhandel begibt, möchte ich noch einmal darauf hinweisen: Es gibt nicht die beste Saite. Es gibt nur bessere und schlechtere Saiten. Ich habe hier die besseren Saiten aufgeführt in der Hoffnung, dass der Leser vielleicht die eine oder andere Saite finden möge, die mit seinem Instrument harmoniert.
Es gibt noch diverse andere Hersteller, die auch gute Saite in ihrem Sortiment haben. Ich bin aber als Berufsmusiker schon zeitlich nicht in der Lage, ständig neue Saiten aufzuziehen und zu testen. Deshalb habe ich mich auf die Produkte beschränkt, mit denen ich ausreichend Erfahrung habe und nicht nur eine Woche gespielt habe.

Letztendendes entscheidet das Ohr. Wie klingt das Instrument mit der Saite zusammen? Wenn es so klingt, dass der Spieler damit rundherum zufrieden ist, ist es die beste Saite für das Instrument.

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{ 2 comments… read them below or add one }

Andrej June 10, 2010 at 14:28

Zu den Stahlsaiten: So pauschal darf man diese nicht verurteilen.

Es gibt billige Vollstahl-Saiten, die etwas metallisch klingen, genauso wie es
auch schlechte Synthetik-Saiten gibt, die “metallisch” klingen.

Eine gute Feinseilstahlkern-Saite ist aber ebenso “weich” im Klang wie andere
gute Saiten, ist entsprechend teuer und wird von vielen Spitzen-Solisten den
Kunst- oder Darmsaiten vorgezogen.

Die stählerne e-Saite hat sich als erstes durchgesetzt, heute beschwert sich kaum
noch jemand über einen angeblichen “stählernen” Klang.

Reply

kirei October 16, 2010 at 16:49

Eine Erkenntins eines Laien zum Thema Preis der Saiten:

Im Zweifelsfall lieber die günstigere Saite wählen und dafür häufiger neue kaufen. Auch wenn man fast nie übt und häufig die Orchesterproben schwänzt klingt eine Obligato nach zwei Jahren mies. :-)

Viele Grüße

kirei

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