Stimmgerät oder Gehör?

by Stefan Maus

In regelmäßigen Abständen tauchen sie immer wieder auf: die Diskussionen, ob man denn nun besser nach dem Gehör stimmen sollte oder aber lieber dem unbestechlichen Stimmgerät vertraut. Vorhin habe ich hier wieder einen Thread entdeckt, der sich dieses Themas annahm. Bis jetzt ohne wirkliches Ergebnis.

Zur Klärung dieser Frage müssen wir zunächst ein wenig Theorie anschauen. Ich zitiere aus “Allgemeine Musiklehre” von Wieland Ziegenrücker, Breitkopf & Härtel 1997, S.14f:

Als Stimmung bezeichnet man das Berechnen und Festlegen exakter Tonhöhen (Schwingungszahlen), bezogen auf ein Tonsystem.
Die von dem griechischen Philosophen und Mathematiker Pythagoras (582-496 v. Chr.) erdachte und nach ihm benannte pythagoreische Stimmung basiert auf der reinen Quinte im Saitenverhältnis 2:3. Er reihte für seine Berechnungen zwölf Quinten aneinander und erreichte sieben Oktaven höher den Ausgangston – die 12. Quinte (eis5) entspricht der 7. Oktave (f5).
Rechnerisch ergibt sich jedoch eine Differenz: eis5 ist um 23,46 Cent – also einen knappen temperierten Viertelton – höher als f5. Diese Abweichung nennt man pythagoreisches Komma. Sie führt auch bei anderen Intervallen zu Unreinheiten. Dennoch war diese Stimmung bis ins Mittelalter hinein gültig.
[...]
Berechnen wir das für unsere Musizierpraxis notwendige Tonmaterial [...], so erhalten wir die reine Stimmung.
[...]
Diese Berechnung führt jedoch zu allerlei Schwierigkeiten im Festlegen der Tonabstände: sie resultieren z.B. aus den beiden unterschiedlich großen Ganztonschritten im Verhältnis 8:9 (c zu d) und 9:10 (d zu e).
[...]
Auf Tasteninstrumenten müssten für einzelne Töne mehrere Tasten vorhanden sein, was praktisch kaum realisierbar ist. Der Unterschied zwischen fis und ges beträgt etwa 1/9 eines Ganztonschritts. Der Geiger wird beim Solospiel fis (als Leitton zu g) etwas höher ansetzen als ges – im Zusammenspiel mit einem (temperiert gestimmten) Tasteninstrument kann das jedoch zu Intonationsproblemen führen.

Stimmgeräte “intonieren” in der Regel temperiert. Wir erhalten also keine für unsere Ohren saubere Quinte, wenn wir uns auf unser Display verlassen.

Das ist der Hauptgrund, weshalb wir für das komplette Stimmen unseres Streichinstruments kein Stimmgerät verwenden sollten. Die Stimmung ist schlicht falsch.
Interessant wird der Einsatz von Stimmgeräten in der täglichen Orchesterpraxis. Dort wird das A meistens von der Oboe vorgegeben. Vor einiger Zeit wurde der sogenannte Kammerton auf 440Hz festgelegt, seit einigen Jahrzehnten ist man immer höher gewandert. In den meisten deutschen Orchestern wird das A heute auf 443Hz eingestimmt.
Für diesen Zweck ist das Stimmgerät eine feine Sache. Es ist unbestechlich, und bei korrekter Bedienung und Batterieleistung liefert es immer eine zuverlässige Anzeige, um das A in gleichbleibender Höhe zu treffen.

Für die Geiger zu Hause lässt sich das Stimmgerät für diesen Zweck ebenfalls sehr gut einsetzen. Wir gewöhnen uns an die immer gleiche Tonhöhe. Wenn wir im Orchester spielen, müssen wir nicht umdenken und haben weniger Intonationsprobleme, die aus reiner Hörgewohnheit resultieren.

Mit dieser einen Ausnahme hat ein Stimmgerät beim Einstimmen einer Geige nichts zu suchen. Wir sollten im Gegenteil versuchen, unser Gehör so zu schärfen, dass wir das Gerät nicht benötigen, denn die meisten von ihnen sind eher Verstimmgeräte, wenn es um absolut reine Quinten geht.

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{ 6 comments… read them below or add one }

Franziska December 28, 2009 at 2:13

Lohnt es sich denn dann überhaupt noch, sich ein Stimmgerät anzuschaffen, wenn man NICHT in einem Orchester spielt, und es auch erstmal nicht vorhat? Bisher stimme ich immer nach meinem Klavier, aber ich habe schonmal überlegt mir ein Stimmgerät anzulegen.

Was sagen Sie dazu?

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Stefan Maus January 1, 2010 at 13:28

Ob es sich lohnt, muss jeder für sich selbst entscheiden, denn es hängt auch vom Preis ab. Aber ich persönlich rate zum Erwerb eines Stimmgeräts. Zur Kontrolle der Stimmung ist es allemal gut, und es betrifft ja nicht nur Orchestermusiker sondern auch kleinere (Kammermusik)ensembles.
Trotzdem ist es ratsam, ebenfalls nach Klavier zu stimmen, schon aus Gründen des Gehörtrainings.

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Herald January 11, 2010 at 17:05

Hallo Stefan,
ich habe jetzt ein Stimmgerät von Korg (mit Metronom). Ich habe es in beide Richtungen ausprobiert. Erst nach Gehör gestimmt und dann mit dem Gerät getestet und andersrum. Beide male leuchtet es nur dann grün, wenn die Geige rein gestimmt ist. Du schreibst, dass sie in der Regel temperiert intonieren. Könnte ich herausbek0mmen, wie meins intoniert?

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Stefan Maus January 12, 2010 at 11:34

Klar. Stimm Deine Geige wie gewohnt und supersauber ein.
Dann spiel einmal leere Saite D und ersten Finger H auf der A-Saite, so dass sie ebenfalls sauber klingen, als Doppelgriff. Lass dann die D-Saite weg und streich das H weiter.
Was zeigt das Stimmgerät an?
Danach spiel einmal den ersten Finger H zusammen mit der leeren Saite E als Doppelgriff. Du wirst den Finger einige Millimeter nach oben verschieben müssen. Dann lass wieder die leere Saite weg.
Was hat das Stimmgerät zu Deinem H zu sagen?
Wenn es behauptet, Deine Hs wären in irgendeiner Weise falsch, und höchstwahrscheinlich wird es das, “hört” Dein Stimmgerät temperiert.

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Herald January 12, 2010 at 20:59

Danke Stefan!
bei A = 443 bekomme ich bei reiner Stimmung grün bei allen Saiten. Der Doppelgriff D-H nach meinem Gehör ergibt ein H 2 Cent von grün entfernt zu tief. Der Doppelgriff H-E nach meinem Gehör ist 2 Cent höher als grün. Die Differenz meiner H’s, abhängig davon ob mit D oder E ergibt also 4 Cent. Das Gerät bildet also ein temperiertes H!?
Viele Grüße
Herald

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Stefan Maus January 13, 2010 at 11:58

Genau. Es zeigt Dir ein H an, das sowohl mit dem D als auch mit dem E zusammen falsch klingen würde.

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