Wie lese ich Fingersätze?

by Stefan Maus

Es gibt im Internet offensichtlich, wenn überhaupt, nur wenige Hinweise darauf, wie wir die zahlreichen in die Noten gedruckten Fingersätze interpretieren. Das ist natürlich besonders für diejenigen ärgerlich, die das Instrument mehr oder weniger autodidaktisch erlernen wollen.

Beginnen wir vorsichtshalber ganz am Anfang. Die Finger sind durchnummeriert. Der Zeigefinger bekommt die Nummer 1, der kleine Finger die Nummer 4. Gar kein Finger, also leere Saite, wird mit der 0 gekennzeichnet.

Grundsätzlich wollen wir erreichen, die Noten möglichst übersichtlich zu lassen. Deshalb, und um ein “Malen nach Zahlen” zu vermeiden, beschränken wir uns darauf, nur dann die Finger in die Noten zu drucken, wenn irgendwelche Änderungen anstehen. Diese Änderungen beziehen sich meistens auf Lagenwechsel.

Wenn nichts in den Noten steht, bleiben wir in der Lage und spielen die Finger, die für den jeweiligen Ton zuständig sind. Wenn wir also den ersten Finger spielen und eine Terz gefordert wird, nehmen wir dafür den dritten Finger.

Häufig stehen jedoch auch Finger dort, wenn kein Lagenwechsel gefordert wird. Das geschieht dann meistens an Stellen, die in derselben Lage unterschiedlich gespielt werden können. Wenn wir also nicht die leere Saite nehmen sollten sondern stattdessen den vierten Finger, werden wir höchstwahrscheinlich in den Noten eine “4″ vorfinden.

Schauen wir uns einmal ein nicht zu schwieriges Beispiel an. Ich habe habe dafür die ersten Takte der Etüde Nr. 12 von Kreutzer ausgewählt.

Kreutzer.jpg

Beim Spielen gehen wir immer von der nächstliegenden Lösung aus. Wir könnten theoretisch den ersten Ton auch in der halben Lage mit dem zweiten Finger spielen. Das würde wenig Sinn machen, wir starten also mit dem ersten Finger.
Der dritte Finger wurde vermutlich deshalb gedruckt, weil einige Geiger an dieser Stelle gerne in die dritte Lage gehen und es diesen Lagenwechsel zu verhindern gilt.
Wir sehen danach eine leere A-Saite. Die Alternative wäre der vierte Finger, es ist also durchaus sinnvoll, hier eine “0″ zu schreiben.
Die Finger danach ergeben sich von selbst, da nichts weiter gedruckt ist und wir deshalb in der ersten Lage bleiben.

Der erste Lagenwechsel geschieht auf der letzten Note im ersten Takt. Ich habe ihn deshalb rot markiert. Das “a” ist nicht anders mit dem ersten Finger zu spielen, also müssen wir in die dritte Lage rutschen.

Im nächsten Takt bleiben wir zunächst in der Lage. Wenn wir z.B. in der dritten Lage sind und eine “0″ geschrieben ist, heißt das meistens, dass wir direkt danach in die erste Lage gehen. Da wir in der dritten Lage bleiben, muss nach der “0″ wieder eine “1″ stehen.

Jetzt kommt eine interessante Stelle, die ich blau markiert habe. Über den Zahlen 1, 2 und 4 steht eine Klammer. Diese Klammer bedeutet, dass wir die Lage nicht verlassen sondern quasi ablangen. Der erste Finger bleibt stehen, der zweite und der vierte Finger werden nach oben abgelangt. Direkt danach kommt wieder der erster Finger, der sowieso noch stehen sollte.
Der eigentliche Lagenwechsel geschieht dann auf dem rot markierten “c”.

Takt 3 und 4 sind so zu spielen, wie wir gesehen haben. In Takt 3 wechseln wir in die dritte Lage, spielen danach aber wieder eine leere Saite. Wenn nur die “0″ dort stünde, würde das für uns bedeuten, dass wir wieder in die erste Lage zurückgehen. Deshalb benötigen wir die “1″, um zu zeigen, dass es in der dritten Lage weitergeht.

Takt 5 ist wieder sehr interessant. Der letzte Ton in diesem Takt ist mit einem ersten Finger gekennzeichnet. Das könnten wir als zweite Lage interpretieren. Gemeint ist jedoch die sechste Lage, also der erste Finger auf der A-Saite.

In diesen Fällen nummerieren wir die Saiten und bezeichnen sie mit römischen Zahlen. Eine “I” ist die E-Saite, die “IV” ist die G-Saite.

Wenn wir also diese Fingersätze spielen wollen, sollten wir immer vom nächstliegenden ausgehen. Alles andere sollte in der Regel besonders gekennzeichnet sein, so auch jeder Lagenwechsel. Immer dann, wenn wir feststellen, dass wir einen Ton nicht mit dem geforderten Finger spielen können, müssen wir einen Lagenwechsel vollführen.

Hier habe ich noch einen Sonderfall:

Vivaldi.jpg

Vivaldi a-Moll, Op. 8 Nr. 3, Buchstabe D.
Die rot markierten Zahlen stehen übereinander. Das bedeutet hier, dass ein Flageolett gefordert wird.

Ob wir jetzt exakt die gedruckten Fingersätze spielen oder nicht, ist eine ganz andere Frage, denn in den seltensten Fällen stammen die Fingersätze vom Komponisten selbst. Meistens hat jemand vom Verlag den Auftrag bekommen, Fingersätze zu erstellen.
Häufig sind diese Fingersätze sehr gut, manchmal allerdings so schlecht, dass man zweifeln möchte, ob derjenige seine eigenen Fingersätze jemals ausprobiert hat.
Wir solltens also grundsätzlich überprüfen, ob die gedruckten Fingersätze auch sinnvoll und für uns spielbar sind, denn Fingersätze sind in vielen Fällen eine sehr persönliche Angelegenheit.

Share and Enjoy:
  • E-mail this story to a friend!
  • Print this article!
  • StumbleUpon
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • blogmarks
  • MisterWong.DE
  • Technorati
  • TwitThis

Related posts

{ 6 comments… read them below or add one }

scholarship essay writing service December 11, 2016 at 6:43

The scholarship application essays, application essays, and varity of essays are available in our writing company. You can follow our writing tips and guides for making your wonderful writing papers

Reply

Adjustable Dumbbells Comparison January 1, 2018 at 11:21

My friend recommended this blog and he was totally right keep up the good work

Reply

Adjustable Dumbbells Comparison January 1, 2018 at 11:22

Such a nice post, keep up the fantastic work

Reply

Term Paper Writing January 18, 2018 at 12:16

I’m really impressed with your article, such great & usefull knowledge you mentioned here

Reply

Homework help in Australia January 18, 2018 at 13:27

I loved the way you discuss the topic great work thanks for the share Your informative post.

Reply

escritor de estudio de caso January 18, 2018 at 13:42

Estoy muy feliz de leer esto. Este es el tipo de manual que se debe proporcionar y no la información errónea al azar que se encuentra en los otros blogs.

Reply

Leave a Comment

Previous post: Das Lampenfieber Teil 4

Next post: Wartungsarbeiten